Wenn alles andere schief geht, kann man von Goethe zumindest eines sagen: Er bietet die Vorlage für gute Parodien.
Davon liest sich Wilhelm Meister leider auch nicht schneller. Oder sinnvoller.
Aber es ist erstaunlich, wie viel anderes man schaffen kann, wenn man nur hartnäckig genug versucht sich abzulenken...
Mittwoch, 30. Juni 2010
Freitag, 25. Juni 2010
Shockhead Peter
Also gut, noch schnell, bevor ich mich für heute hinlege:
Ich hatte eigentlich nicht die höchsten Erwartungen an Shockhead Peter. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass ich The Tiger Lillies im letzten Dreivierteljahr hier im Opernhaus live gesehen habe, und es war... nicht mein Geschmack.
Ich bin an und für sich relativ schmerzunempfindlich. Ich war von Le Comte Ory befremdet, habe mir aber die ganze Oper angesehen. Ich saß für Freunde auch schon über zwei Stunden in Oratorien. Und ich habe auch das Wunderhorn ohne bleibende Schäden überstanden. Aber bei den Tiger Lillies kam ich an meine Grenzen. Ich war wirklich ganz kurz davor mittendrin zu gehen. Das hängt auch mit dem etwas absurden britischen Humor zusammen (was will mir ein Mann sagen, der mit einem Sexspielzeug auf das Piano einhaut? zumal die Melodie darunter leidet), mit dem etwas übertriebenen Einsatzes des Theremin (was auf Dauer echt nervt - das Ding eignet sich hervorragend Geistergeräusche in 60er Jahrestreifen zu vertonen. Das muß man auch erst mal zwei Stunden ertragen können.) und dann war da noch die Stimme von Martyn Jacques. Ich persönliche finde tiefe Männerstimmen angenehm zum zuhören und hohe Männerstimmen sind auch kein Thema - in Maßen. Aber bei Martyn Jacques Stimme ist meine persönliche Schmerzgrenze einfach erreicht. (Zumal der Schlußapplaus bombastisch war, aber die Anwesenden - zumindest die, die ich sehen konnte - während der Vorstellung alle einen Gesichtsausdruck trugen, als wären sie in diesem Moment lieber beim Zahnarzt als in der Oper.)
Und - um auf den heutigen Abend zurück zu kommen - es ist nicht weiter schlimm, dass nicht jeder Sänger mit solch einer wandelbaren Stimme "gesegnet" ist wie Mister Jacques. Die Musik war wirklich hörenswert, auch wenn das spannungsaufbauende "Ich vollende den Satz jetzt mal nicht, sondern fange noch drei Mal von vorne an, bevor ich das Wort ausspreche, das hier eh alle erwarten" vielleicht etwas oft vorkam.
Ich gebe auch offen zu, dass ich es im Moment bereue, dass ich mir bisher nichts im Puppentheater angesehen habe. Die nächste Gelegenheit ist wohl auch noch ein wenig hin, aber ich werde es auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.
Kommen wir jetzt endlich wirklich mal zum Stück:
Ein namenloser Bengel wird von seinen Eltern für einen Abend an einen Baby Sitter abgetreten. Die Babysitterin ist ein wenig irritiert, was sie mit dem vorlauten Fratz machen soll. Und ungefähr dort setzen dann auch diverse Erzählungen aus dem Struwwelpeter an - welche der Bengel mit Begeisterung verfolgt und welche seine Aufpasserin eher in Angst und Schrecken versetzen.
So, für die, deren Kindheit etwa genauso weit zurück reicht wie die meine und daher schon etwas dunkel ist: Es ging in dem Buch, naja, in dem Büchlein, nicht nur um den Struwwelpeter. Viel mehr handelt es sich um eine gereimte "Kurzgeschichtensammlung", in der auf grob 20 Seiten kindliches Fehlverhalten vorgeführt und in der Erzählung selbst bestraft wird, untermalt mit recht einprägsamen Zeichnungen. (Wiki hilft wie immer weiter)
Man kann das Buch als eine frühe Form der Kinderpsychologie lesen. ADHS, Magersucht, Depression - wenn man das so sehen möchte ist sind das in diesem Buch beschriebene Zustände.
Etwas netter ist die Version, in der Heinrich Hoffmann anfangen mußte den Struwwelpeter zu zeichnen, um überhaupt an seine jungen Patienten heran zu kommen. Beliebte Erziehungssprüche wie "wenn du nicht aufhörst zu ..., dann kommt der Arzt und..." hatten ihm nicht gerade einen einfachen Stand eingebracht. Die Geschichten waren eine Methode an die Kranken heran zu kommen. Und der Struwwelpeter war wohl damals als eine sehr frühe Form von Kino intendiert. Aus einem anfangs normalen Jungen wird im Laufe des Zeichnens ein immer wilderer Knabe und das Reden und Zeichnen weckt die Neugier der Patienten und hoffentlich auch ihre Kooperationsbereitschaft.
Literarischer Diskurs Ende. Nur eines noch: es soll wohl vollkommen im Interesse des Autoren gewesen sein, dass Kinder die Bücher auseinander nehmen. (physisch, nicht literarisch)
Und was hat das nun mit dem Stück zu tun?
Die kleinen Geschichtchen werden in Liedern nacherzählt und gleichzeitig auf einer Bühen auf der Bühne pantomimisch nachgestellt. Klingt komplizierter als es ist, man darf nur keine durchgehende Handlung erwarten.
Die Frau zwei rechts von mir meinte am Ende, das ganze wäre etwas schwer zugänglich gewesen. Vielleicht hat es am Ende wirklich was mit Übung zu tun, aber ich persönlich fand das Stück gut verständlich... vielleicht hat es auch geholfen, dass ich den Struwwelpeter Anfang des Jahres mal wieder gelesen hatte.
Die kleinen Episoden spielen ja im Grunde fast alle zuhause. Ma und Pa wurden von richtigen Schauspieler gespielt, allerdings pantomimisch und etwas übertrieben. Der Suppenkasper, Hans Guck in die Luft, der Struwwelpeter oder die Geschichte vom bösen Friedrich wurden mit Puppen oder Menschen mit Puppenköpfen gespielt - ebenfalls pantomimisch. Gesprochen haben - wenn ich das richtig im Kopf habe - nur die beiden Hauptpersonen und der Alptraummann.
Das Schöne ist einfach, dass durch die Pantomime das ganze ein wenig ins Absurde gezogen wurde und die Geschichten nicht mehr ganz so brutal wirkten wie sie eigentlich sind. Und: ich bin immer noch hin und weg, dass man aus so einer kleinen Puppe, auch wenn sie nur einen kurzen Auftritt für ein Lied hat, eine richtige Person machen. Zwar mit starrem Gesichtsausdruck, aber mit wirkungsvoller Gestik und eigenem Charakter...
Zumindest mir tat der böse Friedrich am Ende leid. Und das muß man auch erst mal schaffen: Mitleid zu erzeugen, mit einer Handpuppe, hinter der zwei Menschen in schwarz stehen und jede Bewegung steuern...
Ich hatte eigentlich nicht die höchsten Erwartungen an Shockhead Peter. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass ich The Tiger Lillies im letzten Dreivierteljahr hier im Opernhaus live gesehen habe, und es war... nicht mein Geschmack.
Ich bin an und für sich relativ schmerzunempfindlich. Ich war von Le Comte Ory befremdet, habe mir aber die ganze Oper angesehen. Ich saß für Freunde auch schon über zwei Stunden in Oratorien. Und ich habe auch das Wunderhorn ohne bleibende Schäden überstanden. Aber bei den Tiger Lillies kam ich an meine Grenzen. Ich war wirklich ganz kurz davor mittendrin zu gehen. Das hängt auch mit dem etwas absurden britischen Humor zusammen (was will mir ein Mann sagen, der mit einem Sexspielzeug auf das Piano einhaut? zumal die Melodie darunter leidet), mit dem etwas übertriebenen Einsatzes des Theremin (was auf Dauer echt nervt - das Ding eignet sich hervorragend Geistergeräusche in 60er Jahrestreifen zu vertonen. Das muß man auch erst mal zwei Stunden ertragen können.) und dann war da noch die Stimme von Martyn Jacques. Ich persönliche finde tiefe Männerstimmen angenehm zum zuhören und hohe Männerstimmen sind auch kein Thema - in Maßen. Aber bei Martyn Jacques Stimme ist meine persönliche Schmerzgrenze einfach erreicht. (Zumal der Schlußapplaus bombastisch war, aber die Anwesenden - zumindest die, die ich sehen konnte - während der Vorstellung alle einen Gesichtsausdruck trugen, als wären sie in diesem Moment lieber beim Zahnarzt als in der Oper.)
Und - um auf den heutigen Abend zurück zu kommen - es ist nicht weiter schlimm, dass nicht jeder Sänger mit solch einer wandelbaren Stimme "gesegnet" ist wie Mister Jacques. Die Musik war wirklich hörenswert, auch wenn das spannungsaufbauende "Ich vollende den Satz jetzt mal nicht, sondern fange noch drei Mal von vorne an, bevor ich das Wort ausspreche, das hier eh alle erwarten" vielleicht etwas oft vorkam.
Ich gebe auch offen zu, dass ich es im Moment bereue, dass ich mir bisher nichts im Puppentheater angesehen habe. Die nächste Gelegenheit ist wohl auch noch ein wenig hin, aber ich werde es auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.
Kommen wir jetzt endlich wirklich mal zum Stück:
Ein namenloser Bengel wird von seinen Eltern für einen Abend an einen Baby Sitter abgetreten. Die Babysitterin ist ein wenig irritiert, was sie mit dem vorlauten Fratz machen soll. Und ungefähr dort setzen dann auch diverse Erzählungen aus dem Struwwelpeter an - welche der Bengel mit Begeisterung verfolgt und welche seine Aufpasserin eher in Angst und Schrecken versetzen.
So, für die, deren Kindheit etwa genauso weit zurück reicht wie die meine und daher schon etwas dunkel ist: Es ging in dem Buch, naja, in dem Büchlein, nicht nur um den Struwwelpeter. Viel mehr handelt es sich um eine gereimte "Kurzgeschichtensammlung", in der auf grob 20 Seiten kindliches Fehlverhalten vorgeführt und in der Erzählung selbst bestraft wird, untermalt mit recht einprägsamen Zeichnungen. (Wiki hilft wie immer weiter)
Man kann das Buch als eine frühe Form der Kinderpsychologie lesen. ADHS, Magersucht, Depression - wenn man das so sehen möchte ist sind das in diesem Buch beschriebene Zustände.
Etwas netter ist die Version, in der Heinrich Hoffmann anfangen mußte den Struwwelpeter zu zeichnen, um überhaupt an seine jungen Patienten heran zu kommen. Beliebte Erziehungssprüche wie "wenn du nicht aufhörst zu ..., dann kommt der Arzt und..." hatten ihm nicht gerade einen einfachen Stand eingebracht. Die Geschichten waren eine Methode an die Kranken heran zu kommen. Und der Struwwelpeter war wohl damals als eine sehr frühe Form von Kino intendiert. Aus einem anfangs normalen Jungen wird im Laufe des Zeichnens ein immer wilderer Knabe und das Reden und Zeichnen weckt die Neugier der Patienten und hoffentlich auch ihre Kooperationsbereitschaft.
Literarischer Diskurs Ende. Nur eines noch: es soll wohl vollkommen im Interesse des Autoren gewesen sein, dass Kinder die Bücher auseinander nehmen. (physisch, nicht literarisch)
Und was hat das nun mit dem Stück zu tun?
Die kleinen Geschichtchen werden in Liedern nacherzählt und gleichzeitig auf einer Bühen auf der Bühne pantomimisch nachgestellt. Klingt komplizierter als es ist, man darf nur keine durchgehende Handlung erwarten.
Die Frau zwei rechts von mir meinte am Ende, das ganze wäre etwas schwer zugänglich gewesen. Vielleicht hat es am Ende wirklich was mit Übung zu tun, aber ich persönlich fand das Stück gut verständlich... vielleicht hat es auch geholfen, dass ich den Struwwelpeter Anfang des Jahres mal wieder gelesen hatte.
Die kleinen Episoden spielen ja im Grunde fast alle zuhause. Ma und Pa wurden von richtigen Schauspieler gespielt, allerdings pantomimisch und etwas übertrieben. Der Suppenkasper, Hans Guck in die Luft, der Struwwelpeter oder die Geschichte vom bösen Friedrich wurden mit Puppen oder Menschen mit Puppenköpfen gespielt - ebenfalls pantomimisch. Gesprochen haben - wenn ich das richtig im Kopf habe - nur die beiden Hauptpersonen und der Alptraummann.
Das Schöne ist einfach, dass durch die Pantomime das ganze ein wenig ins Absurde gezogen wurde und die Geschichten nicht mehr ganz so brutal wirkten wie sie eigentlich sind. Und: ich bin immer noch hin und weg, dass man aus so einer kleinen Puppe, auch wenn sie nur einen kurzen Auftritt für ein Lied hat, eine richtige Person machen. Zwar mit starrem Gesichtsausdruck, aber mit wirkungsvoller Gestik und eigenem Charakter...
Zumindest mir tat der böse Friedrich am Ende leid. Und das muß man auch erst mal schaffen: Mitleid zu erzeugen, mit einer Handpuppe, hinter der zwei Menschen in schwarz stehen und jede Bewegung steuern...
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The Tiger Lillies
hm...
Heute Abend kommt Shockhead Peter und Sonntag noch mal Edgar Allen Poe... und dann ist im Grunde die Spielzeit um... jedenfalls für mich.
So ich mich nicht verzählt habe, habe ich im letzten 3/4 Jahr 27 Stücke mitgenommen (von denen ich mit mehr Zeit wahrscheinlich auch die eine oder andere Rezension schreiben werde) und etwa eine Hand voll Konzerte im Riff und dank einer Freundin vielleicht noch 3 oder 4 Oratorien in der Marktkirche. Oh, und die Tiger Lillies und eine Musicalrevue im Opernhaus. Und Pigur singt nicht zu vergessen. Von denen habe ich mittlerweile sogar eine CD.
Auf der einen Seite erschreckend, wie schnell ein 3/4 Jahr um geht und auf der anderen Seite... Es war definitiv nicht schlecht für die Allgemeinbildung. Sehr amüsant. Und vielleicht etwas obsessiv. XD
Ich weiß noch nicht, ob ich mich nächstes Semester noch mal genauso rein stürzen werde, immerhin habe ich bereits etwa ein Drittel bis die Hälfte des Spielplans intus. Das Puppentheater würde ich gern mal wieder sehen - dazu hatte ich bisher noch überhaupt keine Gelegenheit.
Aber ansonsten...
Ich lasse mich am besten einfach mal von mir selbst überraschen.
Wer auch mal Lust hat:
Für die Damen ist La Boheme sehr empfehlenswert. (wie ich erfahren habe eine der Vorlage für Moulin Rouge. Wenn das nicht zieht, weiß ich auch nicht weiter.)
Für die Herren... schnappt euch das Mädel eurer Wahl und schleppt sie zu Ernst sein ist Alles. In dem Stück kann man hervorragend lachen und die Angebetete wird erstaunt sein, wie kulturell interessiert ihr seid. (funktioniert auch mit den 39 Stufen - außerdem darf man im Hoftheater nebenbei Bier trinken, für die Herren sicherlich auch ein Plus.)
Für die Menschen mit schwarzem Humor und einem Faible für die NS Zeit, sei Sein oder nicht Sein empfohlen. Ich hatte mir das damals unter anderem Titel (und mit anderer Besetzung) im Studio Halle angesehen. Wenn das Lachen auch gerne mal im Halse stecken bleiben darf, dann ist man dort wohl gerade richtig.
Und für alle anderen: einfach mal einen Blick in die Spielpläne oder die Spielzeitvorschau werfen, im Grunde läßt sich für jeden irgendwo etwas finden.
Und ich sollte mich langsam zusammen falten und los gehen, ich habe noch ein wenig was zu tun...
So ich mich nicht verzählt habe, habe ich im letzten 3/4 Jahr 27 Stücke mitgenommen (von denen ich mit mehr Zeit wahrscheinlich auch die eine oder andere Rezension schreiben werde) und etwa eine Hand voll Konzerte im Riff und dank einer Freundin vielleicht noch 3 oder 4 Oratorien in der Marktkirche. Oh, und die Tiger Lillies und eine Musicalrevue im Opernhaus. Und Pigur singt nicht zu vergessen. Von denen habe ich mittlerweile sogar eine CD.
Auf der einen Seite erschreckend, wie schnell ein 3/4 Jahr um geht und auf der anderen Seite... Es war definitiv nicht schlecht für die Allgemeinbildung. Sehr amüsant. Und vielleicht etwas obsessiv. XD
Ich weiß noch nicht, ob ich mich nächstes Semester noch mal genauso rein stürzen werde, immerhin habe ich bereits etwa ein Drittel bis die Hälfte des Spielplans intus. Das Puppentheater würde ich gern mal wieder sehen - dazu hatte ich bisher noch überhaupt keine Gelegenheit.
Aber ansonsten...
Ich lasse mich am besten einfach mal von mir selbst überraschen.
Wer auch mal Lust hat:
Für die Damen ist La Boheme sehr empfehlenswert. (wie ich erfahren habe eine der Vorlage für Moulin Rouge. Wenn das nicht zieht, weiß ich auch nicht weiter.)
Für die Herren... schnappt euch das Mädel eurer Wahl und schleppt sie zu Ernst sein ist Alles. In dem Stück kann man hervorragend lachen und die Angebetete wird erstaunt sein, wie kulturell interessiert ihr seid. (funktioniert auch mit den 39 Stufen - außerdem darf man im Hoftheater nebenbei Bier trinken, für die Herren sicherlich auch ein Plus.)
Für die Menschen mit schwarzem Humor und einem Faible für die NS Zeit, sei Sein oder nicht Sein empfohlen. Ich hatte mir das damals unter anderem Titel (und mit anderer Besetzung) im Studio Halle angesehen. Wenn das Lachen auch gerne mal im Halse stecken bleiben darf, dann ist man dort wohl gerade richtig.
Und für alle anderen: einfach mal einen Blick in die Spielpläne oder die Spielzeitvorschau werfen, im Grunde läßt sich für jeden irgendwo etwas finden.
Und ich sollte mich langsam zusammen falten und los gehen, ich habe noch ein wenig was zu tun...
Donnerstag, 24. Juni 2010
Madam Pompadour
"Operette, das ist wie GZSZ mit Musik."
Das Zitat stammt von mir (in einer jener Situationen in denen der Mund schneller war als das Hirn) und wie eine Musikstudentin mir versicherte: für den Hausgebrauch reicht die Definition vollkommen.
Nun ist es natürlich nicht meine Intention die Operette zu beleidigen. Ich meinte das eher im Bezug auf das Aufeinandertreffen diverser Unwahrscheinlichkeiten.
Dass ich vor einem Dreivierteljahr nach ewiger Abstinenz in der Oper gelandet bin war Zufall. Zu Madam Pompadour - meinem ersten Kontakt mit der Operette - zog es mich vor allem auf Grund eines unbestimmbaren Funkelns in den Augen meiner Mutter. Dieses Funkeln stellt sich jedes Mal ein wenn ich erwähnt, dass ich am überlegen war, mir das Stück anzusehen. Und wie ich heute weiß, hatte meine Mom damals absolut keine Ahnung worum es eigentlich gehen würde.
Und dieses Aufeinandertreffen privater Zufälle ist nichts im Vergleich zu dem, was ich dann auf der Bühne sehen sollte.
Das ganze beginnt im Musenstall, einer Künstlerkneipe zu Zeiten Ludwig-des-weiß-der-Geier-wievielten. (Geschichtsinteressierte konsultieren bitte Wikipedia oder den Bücherhort ihres Vertrauens, aber nicht mich.)
Calicot - der Sangspruchdichter des Abends - hat ein Spottgedicht über die Titelgebende Marquise de Pompadour geschrieben - welche eben so zufällig anwesend ist wie ein alter Bekannter Calicots, nämlich Rene. Die Pompadour flieht vor dem langweiligen Hofleben, Rene vor seiner langweiligen Frau und beide kommen sich näher, mit Option auf mehr.
So weit, so frivol.
Auf den Fersen der Pompadour wandelt ein Polizeiinspektor, dessen Lieblingssatz "Ich bin schläuer" lautet und der sich ein ums andere Mal von der Marquise vorführen läßt, in seinem Versuch sie vor dem König zu diskreditieren. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass er es wirklich schafft den Musenstall auszuheben.
Pause, weiter mit dem zweiten Teil.
Calicot ist mittlerweile als Hofschriftsteller für ein Stück angestellt, Rene in der Leibgarde der Pompadour untergekommen (er habe "Nachtdienst" zu leisten), die Zofe findet nach wie vor gefallen an Calicot, der Polizeiinspektor ist der festen Überzeugung die Pompadour hätte es auf Calicot abgesehen und nicht auf Rene... kurz, alles könnte für die Mätresse des Königs hervorragend laufen. Wäre es keine Operette.
Auftritt: die Halbschwester der Pompadour - Madeleine. Dieser ist der Mann davongelaufen. (Nachtigall, I hör dir trapsen.) Und während sich die Pompadour daran macht, aus der neu gefundenen Verwandschaft vom Lande eine vernünftige Pariserin mit Kleidergeschmack und keckem Benehmen zu zaubern, dämmert auch ihr bald recht deutlich: ihr neuer Lieblingssoldat ist der Mann ihrer Schwester. (Rene hatte es bisher "versäumt" zu erwähnen, dass er verheiratet ist.)
Die Pompadour geht erst mal reiten, der König kommt wieder, findet einen fremden Mann in seinem Schlafzimmer (Rene), läßt diesen Verhaften, erfährt vom Polizeiinspektor dessen Version der Geschichte (der verhaftete sei Calicot), der Dichter hatte sich aber in einer Truhe versteckt und... kurz: Madeleine bekommt ihren Rene zurück, die Marquise schafft es sich von jedem Vorwurf frei zu sprechen und wird dafür sogar befördert, deren Zofe schnappt sich Calicot, dem statt dem Todesurteil aus Versehen eine Pension ausgesetzt wurde, und fertig ist die Chose...
Erwähnte ich, dass ich manchmal einen sehr laxen Umgang mit Worten habe?
Erwähnte ich, dass Madam Pompadour in die Sparte "Kultur" fällt?
Erwähnte ich, dass die Musik gut ist?
Oder das Stück recht lustig?
Also zumindest hier in Halle habe ich die zwei Operetten, die ich bisher gesehen habe, als ausreichend Selbstironisch empfunden - was im Zweifelsfall auch mit der Rosamunde Pilcher Handlung versöhnt. (In der Blume von Hawaii noch viel mehr als hier)
Dazu kommt, dass das Stück sinnvoll inszeniert war. Im Musenstall hat es sich angeboten, einfach mal den gesammten Chor auf die Bühne zu stellen - in Abendgarderobe. Allein das sind sicherlich 30 bis 40 Mann (und Frauen), und wenn die begeistert Calicots Auftritt beklatschen, hat man gleich das Gefühl in einem vernünftigen Stück gelandet zu sein, auch wenn der Saal selbst halb leer ist.
Und die Leute stehen ja auch nicht nur blöd rum. Meine persönliche Lieblings-Chor-Sängerin hat in den ersten 10 bis 20 Minuten Tonnenweise virtuelles (!) Koks vom Tisch vor ihr heruntergeschnupft. Realistischer weise hätte sie wahrscheinlich nach spätestens 15 Minuten tot umfallen müssen, aber hey, wenn die Leute auf der Bühne ihren Spaß haben bin ich der Letzte der sich beschwert.
Auch sehr schön gelöst war die Bettszene zwischen Rene und der Marquise. (Wundervoll unterstrichen durch eine Kinderstimme aus dem Publikum: Mama, was machen die da?) Man hat praktisch ein Bettgestell an die Wand genagelt und drum herum ein paar Wände gestellt, fertig war die Zimmerdraufsicht - wandelnde Maus inklusive. Und wenn dann immer mal einer unter der Bettdecke verschwindet...
Zwischendurch wurde außerdem als Kollateralschaden eine Pappkuh von einem Panzer erschossen. Und das Pferd der Pompadour war ein einzelner Darsteller in schwarz, mit einem horizontal abstehendem Sattel auf dem Rücken. Nicht zu vergessen der frierende Rene: umgeben von Eisschollen, mit wehendem Schal...
Um endlich mal auf den Punkt zu kommen, ich habe ja heute auch noch ein bißchen was zu tun:
Es ist einfach ein riesen Spaß. Wer sich von dem Wort Operette nicht abschrecken läßt, kann einfach mal für zwei oder drei Stunden das Hirn ausschalten und sich gut unterhalten lassen. (Und nebenbei noch aufschnappen welcher Ludwig denn nun zu Zeiten der Pompadour an der Macht war...)
Das einzige wovon ich wirklich abraten würde: in die letzte Vorstellung zu gehen, wenn man die Operette noch nie gesehen hat. Neben mir saßen in der letzten Vorstellung drei Männer, die gelinde gesagt irritiert aussahen.
Nun ist es einfach so, dass die letzte Vorstellung den Schauspielern gehört. Das ist fast überall so. Und der eigentliche Witz an der Sache ist, dass man als Zuschauer mitlachen kann, wenn man das grob im Kopf hat. Dass sich einer der Tänzer seinen Ägyterbart statt ans Kinn einfach an die Oberlippe gepappt hat war wirklich harmlos.
Nun gab es aber auch eine Szene in welcher der Polizeiinspektor eigentlich mit drei Damen verschwindet, mit den Worten "Eine Frau kann einem Mann zu viel werden, drei niemals." In der letzten Veranstaltung wurden diese drei von Männern gespielt, die - wenn ich das richtig im Kopf habe - eigentlich gar nicht im Stück mitwirkten. Man hat Herrn Trekel seinen Unwillen zwar angemerkt. Aber gerade das macht ja den eigentlichen Charme aus... wenn man es denn merkt... wenn nicht sieht man wohl genauso befremdet drein wie die Herren neben mir. Aber es hat ja auch keiner gesagt, dass Humor universell ist...
*eine der eingängigen Melodien vor mich hin summ*
Das Zitat stammt von mir (in einer jener Situationen in denen der Mund schneller war als das Hirn) und wie eine Musikstudentin mir versicherte: für den Hausgebrauch reicht die Definition vollkommen.
Nun ist es natürlich nicht meine Intention die Operette zu beleidigen. Ich meinte das eher im Bezug auf das Aufeinandertreffen diverser Unwahrscheinlichkeiten.
Dass ich vor einem Dreivierteljahr nach ewiger Abstinenz in der Oper gelandet bin war Zufall. Zu Madam Pompadour - meinem ersten Kontakt mit der Operette - zog es mich vor allem auf Grund eines unbestimmbaren Funkelns in den Augen meiner Mutter. Dieses Funkeln stellt sich jedes Mal ein wenn ich erwähnt, dass ich am überlegen war, mir das Stück anzusehen. Und wie ich heute weiß, hatte meine Mom damals absolut keine Ahnung worum es eigentlich gehen würde.
Und dieses Aufeinandertreffen privater Zufälle ist nichts im Vergleich zu dem, was ich dann auf der Bühne sehen sollte.
Das ganze beginnt im Musenstall, einer Künstlerkneipe zu Zeiten Ludwig-des-weiß-der-Geier-wievielten. (Geschichtsinteressierte konsultieren bitte Wikipedia oder den Bücherhort ihres Vertrauens, aber nicht mich.)
Calicot - der Sangspruchdichter des Abends - hat ein Spottgedicht über die Titelgebende Marquise de Pompadour geschrieben - welche eben so zufällig anwesend ist wie ein alter Bekannter Calicots, nämlich Rene. Die Pompadour flieht vor dem langweiligen Hofleben, Rene vor seiner langweiligen Frau und beide kommen sich näher, mit Option auf mehr.
So weit, so frivol.
Auf den Fersen der Pompadour wandelt ein Polizeiinspektor, dessen Lieblingssatz "Ich bin schläuer" lautet und der sich ein ums andere Mal von der Marquise vorführen läßt, in seinem Versuch sie vor dem König zu diskreditieren. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass er es wirklich schafft den Musenstall auszuheben.
Pause, weiter mit dem zweiten Teil.
Calicot ist mittlerweile als Hofschriftsteller für ein Stück angestellt, Rene in der Leibgarde der Pompadour untergekommen (er habe "Nachtdienst" zu leisten), die Zofe findet nach wie vor gefallen an Calicot, der Polizeiinspektor ist der festen Überzeugung die Pompadour hätte es auf Calicot abgesehen und nicht auf Rene... kurz, alles könnte für die Mätresse des Königs hervorragend laufen. Wäre es keine Operette.
Auftritt: die Halbschwester der Pompadour - Madeleine. Dieser ist der Mann davongelaufen. (Nachtigall, I hör dir trapsen.) Und während sich die Pompadour daran macht, aus der neu gefundenen Verwandschaft vom Lande eine vernünftige Pariserin mit Kleidergeschmack und keckem Benehmen zu zaubern, dämmert auch ihr bald recht deutlich: ihr neuer Lieblingssoldat ist der Mann ihrer Schwester. (Rene hatte es bisher "versäumt" zu erwähnen, dass er verheiratet ist.)
Die Pompadour geht erst mal reiten, der König kommt wieder, findet einen fremden Mann in seinem Schlafzimmer (Rene), läßt diesen Verhaften, erfährt vom Polizeiinspektor dessen Version der Geschichte (der verhaftete sei Calicot), der Dichter hatte sich aber in einer Truhe versteckt und... kurz: Madeleine bekommt ihren Rene zurück, die Marquise schafft es sich von jedem Vorwurf frei zu sprechen und wird dafür sogar befördert, deren Zofe schnappt sich Calicot, dem statt dem Todesurteil aus Versehen eine Pension ausgesetzt wurde, und fertig ist die Chose...
Erwähnte ich, dass ich manchmal einen sehr laxen Umgang mit Worten habe?
Erwähnte ich, dass Madam Pompadour in die Sparte "Kultur" fällt?
Erwähnte ich, dass die Musik gut ist?
Oder das Stück recht lustig?
Also zumindest hier in Halle habe ich die zwei Operetten, die ich bisher gesehen habe, als ausreichend Selbstironisch empfunden - was im Zweifelsfall auch mit der Rosamunde Pilcher Handlung versöhnt. (In der Blume von Hawaii noch viel mehr als hier)
Dazu kommt, dass das Stück sinnvoll inszeniert war. Im Musenstall hat es sich angeboten, einfach mal den gesammten Chor auf die Bühne zu stellen - in Abendgarderobe. Allein das sind sicherlich 30 bis 40 Mann (und Frauen), und wenn die begeistert Calicots Auftritt beklatschen, hat man gleich das Gefühl in einem vernünftigen Stück gelandet zu sein, auch wenn der Saal selbst halb leer ist.
Und die Leute stehen ja auch nicht nur blöd rum. Meine persönliche Lieblings-Chor-Sängerin hat in den ersten 10 bis 20 Minuten Tonnenweise virtuelles (!) Koks vom Tisch vor ihr heruntergeschnupft. Realistischer weise hätte sie wahrscheinlich nach spätestens 15 Minuten tot umfallen müssen, aber hey, wenn die Leute auf der Bühne ihren Spaß haben bin ich der Letzte der sich beschwert.
Auch sehr schön gelöst war die Bettszene zwischen Rene und der Marquise. (Wundervoll unterstrichen durch eine Kinderstimme aus dem Publikum: Mama, was machen die da?) Man hat praktisch ein Bettgestell an die Wand genagelt und drum herum ein paar Wände gestellt, fertig war die Zimmerdraufsicht - wandelnde Maus inklusive. Und wenn dann immer mal einer unter der Bettdecke verschwindet...
Zwischendurch wurde außerdem als Kollateralschaden eine Pappkuh von einem Panzer erschossen. Und das Pferd der Pompadour war ein einzelner Darsteller in schwarz, mit einem horizontal abstehendem Sattel auf dem Rücken. Nicht zu vergessen der frierende Rene: umgeben von Eisschollen, mit wehendem Schal...
Um endlich mal auf den Punkt zu kommen, ich habe ja heute auch noch ein bißchen was zu tun:
Es ist einfach ein riesen Spaß. Wer sich von dem Wort Operette nicht abschrecken läßt, kann einfach mal für zwei oder drei Stunden das Hirn ausschalten und sich gut unterhalten lassen. (Und nebenbei noch aufschnappen welcher Ludwig denn nun zu Zeiten der Pompadour an der Macht war...)
Das einzige wovon ich wirklich abraten würde: in die letzte Vorstellung zu gehen, wenn man die Operette noch nie gesehen hat. Neben mir saßen in der letzten Vorstellung drei Männer, die gelinde gesagt irritiert aussahen.
Nun ist es einfach so, dass die letzte Vorstellung den Schauspielern gehört. Das ist fast überall so. Und der eigentliche Witz an der Sache ist, dass man als Zuschauer mitlachen kann, wenn man das grob im Kopf hat. Dass sich einer der Tänzer seinen Ägyterbart statt ans Kinn einfach an die Oberlippe gepappt hat war wirklich harmlos.
Nun gab es aber auch eine Szene in welcher der Polizeiinspektor eigentlich mit drei Damen verschwindet, mit den Worten "Eine Frau kann einem Mann zu viel werden, drei niemals." In der letzten Veranstaltung wurden diese drei von Männern gespielt, die - wenn ich das richtig im Kopf habe - eigentlich gar nicht im Stück mitwirkten. Man hat Herrn Trekel seinen Unwillen zwar angemerkt. Aber gerade das macht ja den eigentlichen Charme aus... wenn man es denn merkt... wenn nicht sieht man wohl genauso befremdet drein wie die Herren neben mir. Aber es hat ja auch keiner gesagt, dass Humor universell ist...
*eine der eingängigen Melodien vor mich hin summ*
Freitag, 18. Juni 2010
Mein Freund Bunbury
Als ich neulich auf Arbeit mal wieder eine Frage hatte und vor gelaufen bin, kam ich an einem Rechner vorbei, auf dessen Bildschirm ein Zitat von Bunbury stand. Ich habe leider schon wieder vergessen was. Ich glaube so was abstruses wie "Das Leben ist Ernst", dass meines Wissens nach weder aus dem Theaterstück noch aus dem Musical stammt, aber ich habe die nächsten fünf Minuten einfach mal fröhlich vor mich hin gesummt und mich wieder in die Arbeit gestürzt...
Und nun, zur Klärung, bevor wir weiter machen:
Bunbury ist auch unter den Titeln "The Importance of Being Ernest", "Ernst sein ist wichtig" oder "Ernst sein ist Alles" bekannt. Das ganze wurde 1895 das erste Mal im Theater aufgeführt und gehört meiner bescheidenen Meinung nach zum genialsten was Oscar Wilde jemals geschrieben hat. (Neben dem Bildnis des Dorian Grey und Salome) Wer wirklich keine Ahnung hat worum es geht: die absolut sehenswerte Verfilmung mit Rupert Everett kommt aller paar Monate auf Tele 5. Das angesprochene Theaterstück ist immer noch im Hoftheater des nT zu bewundern und wirklich sein Geld wert.
Und dann war da noch das Musical. Bunbury. Auch bekannt als "Mein Freund Bunbury"... und schon bin ich wieder am summen.
Leider kommt das Stück nicht mehr in der Oper, nach ausreichend vielen Vorstellungen wurde es vor ein paar Monaten abgesetzt. Aber das hindert mich ja jetzt nicht daran, noch in ein paar nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen.
Was mich zu Beginn ein wenig geärgert hat, war, dass fast alle Dialoge von Algernon wegfielen. Für mich ein ehrlicher Verlust, der allerdings der Musicalform geschuldet ist. Dafür blieb die Figurenkonstallation und die Haupthandlung gleich. Und die Ehetauglichkeitsprüfung war ebenfalls dabei - für mich eine der genialsten Szenen die das Theater jemals hervorgebracht hat.
Und das Bühnenbild... praktisch die Hälfte des Stückes schaute man auf eine Hommage auf Edward Hoppers "Nighthawks". Sagt spontan keinem was? Ist ein sehr berühmtes Bild. Einfach mal googeln - was wesentlich weniger Aufwand sein wird, als der den ich betrieben habe um überhaupt erst mal heraus zu finden, wie das Ding heißt. Die andere Hälfte des Stückes spielt bei der Heilsarmee und würde wahrscheinlich an Dickens erinnern, wenn die Leute nicht die ganze Zeit so schmissig singen würden.
Sagte ich gerade Heilsarmee? Yep, Jack Worthing wurde vom reichen und verantwortungsvollen Lebemann zu einem ambitionierten Habenichts degradiert, der trotzdem seiner Angebeteten hinterher rennt, welche ihrerseits noch etwas mehr unter dem Pantoffel ihrer Mutter steht als das Vorbild. Algy büßte seine Wortakrobatik ein und ist daher darauf angewiesen Andere Romane schreiben zu lassen, die unter seinem Namen veröffentlicht werden. Und Cecily... ist je nach Auslegung Sängerin oder Stripperin, oder wahlweise auch beides. Oh, und Bunbury existiert hier wirklich.
Erm, ja, oberflächliche Komparatistik, ich weiß. Aber wer damit wenig anfangen kann, hätte wahrscheinlich bei der Light Version der Chippendales oder der Weltreise durch Halle seine Freunde gehabt. Und ein wenig abhängig davon, wie alt oder jung die Menschen sind, die sich neben einen gesetzt haben, kann man ganz nebenbei noch vernehmen, dass das eine oder andere Lied in seiner Zeit ein echter Gassenhauer gewesen sein mußt, was erklären könnte warum man einige Melodien so schlecht wieder aus dem Kopf raus kriegt.
Von mir auf jeden Fall eine Empfehlung sich das Stück mal anzusehen, egal in welcher Form oder wo. Es funktioniert auch als Musical und wer den Stoff kennt, weiß: es macht einfach Spaß. Ob man sich nun mehr für die Gassenhauer aus den 60ern begeistern kann oder für die doppelbödigen Dialoge des Originals: lohnenswert ist es alle Mal und ich glaube dieser Oscar Wilde Stoff gehört zu den Dingen die man einfach nicht verhunzen kann.
Gut, beim Musical waren sicherlich auch einige Regieeinfälle dabei, die im Original nicht drin steckten und wie es auf der Bühnen wirkt kann ich nun hier von meinem Rechner aus auch nicht voraussagen, aber: wer weder beim Musical noch beim Theaterstück wenigstens ein leichtes Lächeln verspürt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Es ist einfach der perfekte Beweis dass Kultur kein Spaßfreier Raum sein sollte.
Und damit verabschiede ich mich schon einmal in ein vergnügliches Wochenende.
Und nun, zur Klärung, bevor wir weiter machen:
Bunbury ist auch unter den Titeln "The Importance of Being Ernest", "Ernst sein ist wichtig" oder "Ernst sein ist Alles" bekannt. Das ganze wurde 1895 das erste Mal im Theater aufgeführt und gehört meiner bescheidenen Meinung nach zum genialsten was Oscar Wilde jemals geschrieben hat. (Neben dem Bildnis des Dorian Grey und Salome) Wer wirklich keine Ahnung hat worum es geht: die absolut sehenswerte Verfilmung mit Rupert Everett kommt aller paar Monate auf Tele 5. Das angesprochene Theaterstück ist immer noch im Hoftheater des nT zu bewundern und wirklich sein Geld wert.
Und dann war da noch das Musical. Bunbury. Auch bekannt als "Mein Freund Bunbury"... und schon bin ich wieder am summen.
Leider kommt das Stück nicht mehr in der Oper, nach ausreichend vielen Vorstellungen wurde es vor ein paar Monaten abgesetzt. Aber das hindert mich ja jetzt nicht daran, noch in ein paar nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen.
Was mich zu Beginn ein wenig geärgert hat, war, dass fast alle Dialoge von Algernon wegfielen. Für mich ein ehrlicher Verlust, der allerdings der Musicalform geschuldet ist. Dafür blieb die Figurenkonstallation und die Haupthandlung gleich. Und die Ehetauglichkeitsprüfung war ebenfalls dabei - für mich eine der genialsten Szenen die das Theater jemals hervorgebracht hat.
Und das Bühnenbild... praktisch die Hälfte des Stückes schaute man auf eine Hommage auf Edward Hoppers "Nighthawks". Sagt spontan keinem was? Ist ein sehr berühmtes Bild. Einfach mal googeln - was wesentlich weniger Aufwand sein wird, als der den ich betrieben habe um überhaupt erst mal heraus zu finden, wie das Ding heißt. Die andere Hälfte des Stückes spielt bei der Heilsarmee und würde wahrscheinlich an Dickens erinnern, wenn die Leute nicht die ganze Zeit so schmissig singen würden.
Sagte ich gerade Heilsarmee? Yep, Jack Worthing wurde vom reichen und verantwortungsvollen Lebemann zu einem ambitionierten Habenichts degradiert, der trotzdem seiner Angebeteten hinterher rennt, welche ihrerseits noch etwas mehr unter dem Pantoffel ihrer Mutter steht als das Vorbild. Algy büßte seine Wortakrobatik ein und ist daher darauf angewiesen Andere Romane schreiben zu lassen, die unter seinem Namen veröffentlicht werden. Und Cecily... ist je nach Auslegung Sängerin oder Stripperin, oder wahlweise auch beides. Oh, und Bunbury existiert hier wirklich.
Erm, ja, oberflächliche Komparatistik, ich weiß. Aber wer damit wenig anfangen kann, hätte wahrscheinlich bei der Light Version der Chippendales oder der Weltreise durch Halle seine Freunde gehabt. Und ein wenig abhängig davon, wie alt oder jung die Menschen sind, die sich neben einen gesetzt haben, kann man ganz nebenbei noch vernehmen, dass das eine oder andere Lied in seiner Zeit ein echter Gassenhauer gewesen sein mußt, was erklären könnte warum man einige Melodien so schlecht wieder aus dem Kopf raus kriegt.
Von mir auf jeden Fall eine Empfehlung sich das Stück mal anzusehen, egal in welcher Form oder wo. Es funktioniert auch als Musical und wer den Stoff kennt, weiß: es macht einfach Spaß. Ob man sich nun mehr für die Gassenhauer aus den 60ern begeistern kann oder für die doppelbödigen Dialoge des Originals: lohnenswert ist es alle Mal und ich glaube dieser Oscar Wilde Stoff gehört zu den Dingen die man einfach nicht verhunzen kann.
Gut, beim Musical waren sicherlich auch einige Regieeinfälle dabei, die im Original nicht drin steckten und wie es auf der Bühnen wirkt kann ich nun hier von meinem Rechner aus auch nicht voraussagen, aber: wer weder beim Musical noch beim Theaterstück wenigstens ein leichtes Lächeln verspürt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Es ist einfach der perfekte Beweis dass Kultur kein Spaßfreier Raum sein sollte.
Und damit verabschiede ich mich schon einmal in ein vergnügliches Wochenende.
Donnerstag, 17. Juni 2010
Die Zauberflöte
Also gut, nachdem ich jetzt drei Mal angesetzt habe und einfach nicht weiter komme, gibt es jetzt zwei Möglichkeiten:
Ich schreibe einen Eintrag darüber, warum ich die Zauberflöte als eine Ansammlung von Psychopathen und Manisch-Depressiven empfinde. Das wäre zwar für mich jetzt fraglos entspannend, nur leider ist mir daran ein wenig die Freude vergangen, seit mich ein intelligenter Mensch darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich da was ein wenig missverstanden habe: Was ich eigentlich als Stockholm-Syndrom gewertet hatte, sollte im Original eine versuchte Vergewaltigung darstellen. Und auch wenn bei mir Ironie, Sarkasmus und Zynismus mitunter seltsame Zweckverbände eingehen, möchte noch nicht einmal ich darüber Witze reißen...
Oder zweitens: wir lassen die Handlung außen vor, ich krame ganze tief in meinem Gedächtnis und versuche hervorzuheben was an der Oper gut war, nämlich so ziemlich alles außer der Handlung.
Fangen wir mit meinem persönlichen Highlight an: Gerd Vogel gibt den Vogelhändler im Pinguinkostüm. In erster Linie eine Sprechrolle - in breitestem Sächsisch. Und ich persönlich würde ihm wahrscheinlich auch dann noch zuhören, wenn er das Telefonbuch vorläße. Außerdem war Papageno definitiv meine Lieblingsrolle, schon allein weil sie praktisch alles auf der Bühne ironisch bricht... nur dass ihm irgendwie keiner zuhört.
Das Bühnenbild war ein Traum. Ich habe mich mittlerweile an die etwas kargen Multifunktionsbühnenbilder der Oper gewöhnt und bin sogar - zum Beispiel bei Edgar Allan Poe oder Falstaff - regelmäßig überrascht, wie vielfältig man manches nutzen kann, aber die Zauberflöte hatte wirklich noch "normale" Bühnenbilder. Nicht sonderlich helle und freundliche, aber sehr schöne. Gut, nicht gerade wenig war mit Freimaurersymbolen durchzogen, von denen ich als Ahnungsloser sehr wenig hatte, aber trotzdem sehr liebevoll gestaltet.
Und: die Zauberflöte eignet sich sehr gut als Einstieg in die Oper allgemein. Die Lieder sind mitunter so eingängig, dass man sie für extra Kinder-Opern-Produktionen nutzt. Die Oper selbst ist für Kinder zweifelsfrei etwas lang, nicht sonderlich actionhaltig und wie oben angesprochen vielleicht inhaltlich auch nicht unbedingt kompatibel. (Wobei mir das mal jemand mit einem sehr schönen Totschlag-Argument ausgeredet hat: "Als Märchen funktioniert's". Das tun die Werke der Gebrüder Grimm immerhin auch, also warum soll ich da noch argumentieren?)
Auf jeden Fall sind die Texte auch für Opernlaien noch hörbar. Selbst ich bin mitgekommen. Man schaut also nicht grob drei Stunden auf Pantomime mit musikalischer Untermalung, sondern kann wirklich folgen. Gerade für den ersten Kontakt mit einer Oper sicherlich ein wichtiges Kriterium.
Und - ich kenne mindestens zwei Menschen, die sich von folgendem Argument beeindrucken ließen - wenn man die Zauberflöte erst mal gesehen hat, kann man mindestens eine Frage mehr in der Trivial Pursiuit Genius Edition beantworten...
Und, trotz meinem Widerwillen gegen das Stück, muß ich eingestehen, dass ich immer noch am überlegen bin, mir das ganze Ende des Jahres vielleicht mal in Bad Lauchstädt anzusehen. Mir wurde im Laufe des Studiums gewiss 10 Mal erzählt, wie früher (als sich die Studenten noch wie die Beherrscher der Stadt aufgeführt haben) viele bis nach Bad Lauchstädt gelaufen(!) sind, um dort ein Stück zu sehen (Halle hatte noch kein eigenes Theater), dort übernachteten und am nächsten Tag zurück stiefelten. Ich für meinen Teil würde ja öffentliche Verkehrsmittel vorziehen. Aber sehen würde ich das schon gerne mal. Vor allem, nachdem ich mal ein paar Bilder vom Goethetheater von Innen gesehen habe...
Ich schreibe einen Eintrag darüber, warum ich die Zauberflöte als eine Ansammlung von Psychopathen und Manisch-Depressiven empfinde. Das wäre zwar für mich jetzt fraglos entspannend, nur leider ist mir daran ein wenig die Freude vergangen, seit mich ein intelligenter Mensch darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich da was ein wenig missverstanden habe: Was ich eigentlich als Stockholm-Syndrom gewertet hatte, sollte im Original eine versuchte Vergewaltigung darstellen. Und auch wenn bei mir Ironie, Sarkasmus und Zynismus mitunter seltsame Zweckverbände eingehen, möchte noch nicht einmal ich darüber Witze reißen...
Oder zweitens: wir lassen die Handlung außen vor, ich krame ganze tief in meinem Gedächtnis und versuche hervorzuheben was an der Oper gut war, nämlich so ziemlich alles außer der Handlung.
Fangen wir mit meinem persönlichen Highlight an: Gerd Vogel gibt den Vogelhändler im Pinguinkostüm. In erster Linie eine Sprechrolle - in breitestem Sächsisch. Und ich persönlich würde ihm wahrscheinlich auch dann noch zuhören, wenn er das Telefonbuch vorläße. Außerdem war Papageno definitiv meine Lieblingsrolle, schon allein weil sie praktisch alles auf der Bühne ironisch bricht... nur dass ihm irgendwie keiner zuhört.
Das Bühnenbild war ein Traum. Ich habe mich mittlerweile an die etwas kargen Multifunktionsbühnenbilder der Oper gewöhnt und bin sogar - zum Beispiel bei Edgar Allan Poe oder Falstaff - regelmäßig überrascht, wie vielfältig man manches nutzen kann, aber die Zauberflöte hatte wirklich noch "normale" Bühnenbilder. Nicht sonderlich helle und freundliche, aber sehr schöne. Gut, nicht gerade wenig war mit Freimaurersymbolen durchzogen, von denen ich als Ahnungsloser sehr wenig hatte, aber trotzdem sehr liebevoll gestaltet.
Und: die Zauberflöte eignet sich sehr gut als Einstieg in die Oper allgemein. Die Lieder sind mitunter so eingängig, dass man sie für extra Kinder-Opern-Produktionen nutzt. Die Oper selbst ist für Kinder zweifelsfrei etwas lang, nicht sonderlich actionhaltig und wie oben angesprochen vielleicht inhaltlich auch nicht unbedingt kompatibel. (Wobei mir das mal jemand mit einem sehr schönen Totschlag-Argument ausgeredet hat: "Als Märchen funktioniert's". Das tun die Werke der Gebrüder Grimm immerhin auch, also warum soll ich da noch argumentieren?)
Auf jeden Fall sind die Texte auch für Opernlaien noch hörbar. Selbst ich bin mitgekommen. Man schaut also nicht grob drei Stunden auf Pantomime mit musikalischer Untermalung, sondern kann wirklich folgen. Gerade für den ersten Kontakt mit einer Oper sicherlich ein wichtiges Kriterium.
Und - ich kenne mindestens zwei Menschen, die sich von folgendem Argument beeindrucken ließen - wenn man die Zauberflöte erst mal gesehen hat, kann man mindestens eine Frage mehr in der Trivial Pursiuit Genius Edition beantworten...
Und, trotz meinem Widerwillen gegen das Stück, muß ich eingestehen, dass ich immer noch am überlegen bin, mir das ganze Ende des Jahres vielleicht mal in Bad Lauchstädt anzusehen. Mir wurde im Laufe des Studiums gewiss 10 Mal erzählt, wie früher (als sich die Studenten noch wie die Beherrscher der Stadt aufgeführt haben) viele bis nach Bad Lauchstädt gelaufen(!) sind, um dort ein Stück zu sehen (Halle hatte noch kein eigenes Theater), dort übernachteten und am nächsten Tag zurück stiefelten. Ich für meinen Teil würde ja öffentliche Verkehrsmittel vorziehen. Aber sehen würde ich das schon gerne mal. Vor allem, nachdem ich mal ein paar Bilder vom Goethetheater von Innen gesehen habe...
Sonntag, 30. Mai 2010
Heute weder Hamlet
"Kitsch und Kolportage"
Ich bin gerade durch Dracula durch und das Zitat ist mir spontan wieder in den Sinn gekommen. Originalerweise ist es eigentlich aus "Heute weder Hamlet" - subjektiv eines der besten Stücke die ich je gesehen habe.
Das soll die anderen Stücke nicht abwerten, aber die ausgefallene Hamletaufführung hängt die Messlatte wirklich verdammt hoch.
Die Handlung ist recht einfach zusammen zu fassen: Hamlet fällt aus, der Hauptdarsteller hat sich das Bein verletzt, glatter Bruch, nichts ernstes, aber nun heißt es eben: heute weder Hamlet, noch sonst irgendwas.
Das verwirrte Publikum, schon vorgewarnt, weigert sich einfach zu verschwinden und so hat Ingo Sassmann seinen großen Abend. In einem einzigen großen Monolog läßt er sein Leben Revue passieren: Stationen einer Schauspielkarriere, die unverschuldet scheiterte.
Bis hierher ist alles richtig, erklärt aber nicht, warum dieses Stück mich derart mitgenommen hat, dass ich die ersten paar Minuten danach nicht ansprechbar war. (Wahre Geschichte: Ein Schauspieler, der dieses Stück in einem anderen Teil von Deutschland geben wird, hat mich nach dem letzten Satz gefragt. Er hatte ihn nicht verstanden und ich war einfach nicht in der Lage etwas auch nur in Ansätzen Intelligentes zu erwidern. Ich musste das Stück einfach erst mal setzen lassen.)
Im Grunde funktioniert die Geschichte auf mehreren Ebenen:
Erst einmal als Realitätsbrechung. Theater, das große "So tun als ob". So tun als ob eine Vorstellung wirklich ausfällt und ein Vorhangzieher mal eben über sein Leben berichtet, weil er heute nichts besseres vor hatte. Und ob das was er so sagt auf Halle bezogen ist, oder ob das alles so im Text stand, hängt nicht unwesentlich von der eigenen Meinung zu den hier erbrachten Leistungen ab.
Ob die Einblicke, die in den vermeintlichen Bühnenalltag gegeben werden, wirklich so authentisch sind, weiß ich nicht zu beurteilen. Wenn man die zwei amüsierten Damen hinter mir als Messlatte anlegt, dann auf jeden Fall. Der Witz ist, dass alles so sein könnte. Und das alles so glaubwürdig erscheint, dass wohl mehr als nur eine reale Theaterpanne Pate für dieses Stück stand. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es in erster Linie ein Stück für Schauspieler ist, die sich einmal über ihren eigenen Alltag amüsieren möchten. Der ganze Rest nimmt einfach nur zur Kenntnis wie existentiell wichtig es sein kann, dass Joreks Schädel aus Hartplastik gefertigt wird; welche Rolle ein Vorhang in einer Aufführung spielt; wie Zähne ein Schicksal bestimmen können oder wie sich Realität und Fiktion manchmal spiegeln.
Für Shakespeareinteressierte wird auch noch eine nette Interpretationsweise von Hamlet gegeben.
Und all das zusammen, macht ein gutes Stück.
Ein wirklich Großartiges Stück wird es aber durch etwas anderes:
Das Stück beginnt, es darf gelacht werden, es wird auch. Ein einfacher Perspektivenwechsel auf die Bühne um 90 Grad kann den ganzen Hamletmythos entzaubern. Und während man sich noch freut, dass auch mit diesem Alt-Ehrwürdigen Stoff noch Schindluder zu treiben ist, kriecht langsam, erst unmerklich, dann immer deutlicher, eine ernste Note in das Stück. Bis einem plötzlich das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn sehen wir der Sache doch mal ins Auge: ein falscher Reflex und eine ganze Karriere kann im Eimer sein. Und daran hängt ja wieder nicht nur ein Leben. Und dann, wenn man das eigene Lachen eigentlich schon für den Abend einmotten wollte, schafft das Stück noch einmal die Wende. Die Geschichte bleibt, sie wird auch nicht relativiert, und trotzdem geht man mit einem Lächeln auf den Lippen. Man lacht sogar noch einige Male herzhaft vor dem Schlußapplaus.
Das dramaturgisch zu schreiben und umzusetzen, dass ist ganz großes Können. Und vor allem weil ich so viel Tiefgang gar nicht erwartet hatte, hat sich dieses Stück einen ganz eigenen Platz in meinem Herzen erobert.
Zugegeben, der Zauber funktioniert vor allem weil man nicht weiß was einen erwartet. In so fern hoffe ich, dass ich das Stück für niemanden verdorben habe.
Aber wenn es nächste Spielzeit wieder läuft: UNBEDINGT ansehen.
(Nur noch eine kleine Warnung für Brillenträger. Peter W. Bachmann braucht offensichtlich keine Sehhilfe. Sonst wäre er in diesem Leben nie auf die Idee gekommen, gewohnheitsmäßig mit dem ausgestreckten Mittelfinger den Steg zwischen den beiden Gläsern auf der Nase zurecht zu schieben. Ein Freund hat versucht mir zu erklären: das müssen im Laufe der Proben so viele Leute gesehen haben, das ist wahrscheinlich Absicht. Ich glaube nicht, dass damit absichtlich das Publikum beleidigt werden soll. Also einfach drum herum schauen. Oder einen Check beim Optiker vereinbaren. Denn wem rutscht heute noch regelmäßig die Brille auf der Nase herum? Aber ansonsten: unbedingt sehenswert.)
Ich bin gerade durch Dracula durch und das Zitat ist mir spontan wieder in den Sinn gekommen. Originalerweise ist es eigentlich aus "Heute weder Hamlet" - subjektiv eines der besten Stücke die ich je gesehen habe.
Das soll die anderen Stücke nicht abwerten, aber die ausgefallene Hamletaufführung hängt die Messlatte wirklich verdammt hoch.
Die Handlung ist recht einfach zusammen zu fassen: Hamlet fällt aus, der Hauptdarsteller hat sich das Bein verletzt, glatter Bruch, nichts ernstes, aber nun heißt es eben: heute weder Hamlet, noch sonst irgendwas.
Das verwirrte Publikum, schon vorgewarnt, weigert sich einfach zu verschwinden und so hat Ingo Sassmann seinen großen Abend. In einem einzigen großen Monolog läßt er sein Leben Revue passieren: Stationen einer Schauspielkarriere, die unverschuldet scheiterte.
Bis hierher ist alles richtig, erklärt aber nicht, warum dieses Stück mich derart mitgenommen hat, dass ich die ersten paar Minuten danach nicht ansprechbar war. (Wahre Geschichte: Ein Schauspieler, der dieses Stück in einem anderen Teil von Deutschland geben wird, hat mich nach dem letzten Satz gefragt. Er hatte ihn nicht verstanden und ich war einfach nicht in der Lage etwas auch nur in Ansätzen Intelligentes zu erwidern. Ich musste das Stück einfach erst mal setzen lassen.)
Im Grunde funktioniert die Geschichte auf mehreren Ebenen:
Erst einmal als Realitätsbrechung. Theater, das große "So tun als ob". So tun als ob eine Vorstellung wirklich ausfällt und ein Vorhangzieher mal eben über sein Leben berichtet, weil er heute nichts besseres vor hatte. Und ob das was er so sagt auf Halle bezogen ist, oder ob das alles so im Text stand, hängt nicht unwesentlich von der eigenen Meinung zu den hier erbrachten Leistungen ab.
Ob die Einblicke, die in den vermeintlichen Bühnenalltag gegeben werden, wirklich so authentisch sind, weiß ich nicht zu beurteilen. Wenn man die zwei amüsierten Damen hinter mir als Messlatte anlegt, dann auf jeden Fall. Der Witz ist, dass alles so sein könnte. Und das alles so glaubwürdig erscheint, dass wohl mehr als nur eine reale Theaterpanne Pate für dieses Stück stand. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es in erster Linie ein Stück für Schauspieler ist, die sich einmal über ihren eigenen Alltag amüsieren möchten. Der ganze Rest nimmt einfach nur zur Kenntnis wie existentiell wichtig es sein kann, dass Joreks Schädel aus Hartplastik gefertigt wird; welche Rolle ein Vorhang in einer Aufführung spielt; wie Zähne ein Schicksal bestimmen können oder wie sich Realität und Fiktion manchmal spiegeln.
Für Shakespeareinteressierte wird auch noch eine nette Interpretationsweise von Hamlet gegeben.
Und all das zusammen, macht ein gutes Stück.
Ein wirklich Großartiges Stück wird es aber durch etwas anderes:
Das Stück beginnt, es darf gelacht werden, es wird auch. Ein einfacher Perspektivenwechsel auf die Bühne um 90 Grad kann den ganzen Hamletmythos entzaubern. Und während man sich noch freut, dass auch mit diesem Alt-Ehrwürdigen Stoff noch Schindluder zu treiben ist, kriecht langsam, erst unmerklich, dann immer deutlicher, eine ernste Note in das Stück. Bis einem plötzlich das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn sehen wir der Sache doch mal ins Auge: ein falscher Reflex und eine ganze Karriere kann im Eimer sein. Und daran hängt ja wieder nicht nur ein Leben. Und dann, wenn man das eigene Lachen eigentlich schon für den Abend einmotten wollte, schafft das Stück noch einmal die Wende. Die Geschichte bleibt, sie wird auch nicht relativiert, und trotzdem geht man mit einem Lächeln auf den Lippen. Man lacht sogar noch einige Male herzhaft vor dem Schlußapplaus.
Das dramaturgisch zu schreiben und umzusetzen, dass ist ganz großes Können. Und vor allem weil ich so viel Tiefgang gar nicht erwartet hatte, hat sich dieses Stück einen ganz eigenen Platz in meinem Herzen erobert.
Zugegeben, der Zauber funktioniert vor allem weil man nicht weiß was einen erwartet. In so fern hoffe ich, dass ich das Stück für niemanden verdorben habe.
Aber wenn es nächste Spielzeit wieder läuft: UNBEDINGT ansehen.
(Nur noch eine kleine Warnung für Brillenträger. Peter W. Bachmann braucht offensichtlich keine Sehhilfe. Sonst wäre er in diesem Leben nie auf die Idee gekommen, gewohnheitsmäßig mit dem ausgestreckten Mittelfinger den Steg zwischen den beiden Gläsern auf der Nase zurecht zu schieben. Ein Freund hat versucht mir zu erklären: das müssen im Laufe der Proben so viele Leute gesehen haben, das ist wahrscheinlich Absicht. Ich glaube nicht, dass damit absichtlich das Publikum beleidigt werden soll. Also einfach drum herum schauen. Oder einen Check beim Optiker vereinbaren. Denn wem rutscht heute noch regelmäßig die Brille auf der Nase herum? Aber ansonsten: unbedingt sehenswert.)
Ach, übrigens...
Dinge die einem nur im Theater oder drum herum passieren können:
Ich war neulich wirklich anwesend, als eine Frau der Drang überkam mal eben die Haarlänge aller Anwesenden zu vermessen. Wie viele wissen auf den Zentimeter genau wie lang ihre Haare sind? Ich gehöre jetzt auf jeden Fall dazu... für die nächsten paar Wochen.
Andere Stilblüten:
Es kann immer wieder mal passieren, dass man Mitarbeiter der Häuser im Zuschauerraum findet. So etwas nimmt man normalerweise mal kurz zur Kenntnis und gut ist - wenn man sie den überhaupt erkennt. Die Leute wollen immerhin auch in Ruhe ihr Bier trinken bzw. den Abend genießen. Wirklich interessant wir es dann meistens erst wieder beim Schlußapplaus, wenn man den Seitenblick wagt "Na, wie hat es denen gefallen?" und gerade weil sie das ahnen sieht man normalerweise begeistert klatschende Menschen.
Eine Ausnahme bildete Heute weder Hamlet, bei dem die beiden Damen hinter mir schon während des Stücks dermaßen begeistert und anhaltend lachten, dass sich die ersten Zuschauer umsahen, wo das Geräusch denn her kam.
Es kann auch passieren, dass man neben Freunden oder Bekannten von Darstellern landet, oder neben deren Kindern:
Ein junges Mädchen hat mir damals in der Carmina Burana erklärt, dass ein Schwan in der Pfanne starb. Ich persönlich hatte das inhaltlich nicht verstanden, begreife auch bis heute nicht was ein Schwan in der Carmina Burana zu suchen hat; fand es aber nett, dass mir dies jemand erklärte. Das Mädchen war höchstens 12.
Ein anderer Evergreen aus Madam Pompadour: Es gibt eine Bettszene, optisch sehr schön gelöst, als plötzlich eine Stimme in den Saal fragte "Mama, was machen die da?" Wenn ich das richtig mitbekam hatte Mama die Beantwortung dieser Frage spontan auf zuhause verschoben.
Und auch sehr nett: ich saß neulich in einer Veranstaltung neben einem Pärchen, scheinbar Bekannte des Hauptdarstellers, die ihre teuer erworbene Eintrittskarte nutzten, um heiteres Patzer-Raten zu spielen. Eine Sportart in der ich langsam auch immer besser werde.
Und neben ein oder zwei anderen Anekdoten lernt man vor allem eines:
es darf gelacht und geklatscht werden.
Ich habe immer noch einen Bekannten vor Augen, der nach seinem ersten nicht von der Schule organisierten Theaterbesuch, total baff war. Dass man im Theater lachen darf, dass man das nicht nur kann, sondern auch soll. Darauf hatte ihn das Abitur gar nicht adäquat vorbereitet.
Darum: wenn es lustig ist, nicht auf die Zunge beißen. Einfach raus lassen. Die Menschen auf und hinter der Bühne freuen sich darüber. Und wenn es gut ist, einfach mal die Hände zusammen hauen. Nicht warten, ob ein anderer anfängt, sondern einfach selbst tun. Dann ziehen meistens auch andere nach.
Und mit diesem Wort zum Sonntag, werde ich jetzt erst mal wieder meine Zähne in Dracula versenken und danach überlegen zu welchen Stücken ich sonst noch meine Meinung in die Gegend tröten wollte...
Ich war neulich wirklich anwesend, als eine Frau der Drang überkam mal eben die Haarlänge aller Anwesenden zu vermessen. Wie viele wissen auf den Zentimeter genau wie lang ihre Haare sind? Ich gehöre jetzt auf jeden Fall dazu... für die nächsten paar Wochen.
Andere Stilblüten:
Es kann immer wieder mal passieren, dass man Mitarbeiter der Häuser im Zuschauerraum findet. So etwas nimmt man normalerweise mal kurz zur Kenntnis und gut ist - wenn man sie den überhaupt erkennt. Die Leute wollen immerhin auch in Ruhe ihr Bier trinken bzw. den Abend genießen. Wirklich interessant wir es dann meistens erst wieder beim Schlußapplaus, wenn man den Seitenblick wagt "Na, wie hat es denen gefallen?" und gerade weil sie das ahnen sieht man normalerweise begeistert klatschende Menschen.
Eine Ausnahme bildete Heute weder Hamlet, bei dem die beiden Damen hinter mir schon während des Stücks dermaßen begeistert und anhaltend lachten, dass sich die ersten Zuschauer umsahen, wo das Geräusch denn her kam.
Es kann auch passieren, dass man neben Freunden oder Bekannten von Darstellern landet, oder neben deren Kindern:
Ein junges Mädchen hat mir damals in der Carmina Burana erklärt, dass ein Schwan in der Pfanne starb. Ich persönlich hatte das inhaltlich nicht verstanden, begreife auch bis heute nicht was ein Schwan in der Carmina Burana zu suchen hat; fand es aber nett, dass mir dies jemand erklärte. Das Mädchen war höchstens 12.
Ein anderer Evergreen aus Madam Pompadour: Es gibt eine Bettszene, optisch sehr schön gelöst, als plötzlich eine Stimme in den Saal fragte "Mama, was machen die da?" Wenn ich das richtig mitbekam hatte Mama die Beantwortung dieser Frage spontan auf zuhause verschoben.
Und auch sehr nett: ich saß neulich in einer Veranstaltung neben einem Pärchen, scheinbar Bekannte des Hauptdarstellers, die ihre teuer erworbene Eintrittskarte nutzten, um heiteres Patzer-Raten zu spielen. Eine Sportart in der ich langsam auch immer besser werde.
Und neben ein oder zwei anderen Anekdoten lernt man vor allem eines:
es darf gelacht und geklatscht werden.
Ich habe immer noch einen Bekannten vor Augen, der nach seinem ersten nicht von der Schule organisierten Theaterbesuch, total baff war. Dass man im Theater lachen darf, dass man das nicht nur kann, sondern auch soll. Darauf hatte ihn das Abitur gar nicht adäquat vorbereitet.
Darum: wenn es lustig ist, nicht auf die Zunge beißen. Einfach raus lassen. Die Menschen auf und hinter der Bühne freuen sich darüber. Und wenn es gut ist, einfach mal die Hände zusammen hauen. Nicht warten, ob ein anderer anfängt, sondern einfach selbst tun. Dann ziehen meistens auch andere nach.
Und mit diesem Wort zum Sonntag, werde ich jetzt erst mal wieder meine Zähne in Dracula versenken und danach überlegen zu welchen Stücken ich sonst noch meine Meinung in die Gegend tröten wollte...
Dienstag, 25. Mai 2010
Der Mond ist inzwischen ersoffen - Schauriges zur Nacht
Um den Kulturschock des Wunderhorns zu verkraften, habe ich mir an dem Abend noch ein weiteres Stück gegönnt: Der Mond ist inzwischen ersoffen - Schauriges zur Nacht.
Das Hoftheater macht bei etwas milderen Temperaturen sicherlich noch mehr Spaß, aber ein Sternenklarer Himmel und Makaberes zum warm werden, sind keine grundlegend falsche Kombination.
Das Programm selbst war bunt gemischt. Nur leider sind die meisten Pointen mit etwas Übung absehbar. Was aber das Programm nicht abwerten soll. Schon allein für die Parodie auf Schillers Handschuh hätte ich mich aus dem Haus bewegt. So richtig alt fühlte ich mich, als plötzlich von Knorkator "Weg nach unten" erklang. Und der Sketch, der strukturell dem Lied "Nichts von Bedeutung" von Max Raabe gleicht, macht immerhin auch dann noch Spaß, wenn man die wahrscheinliche Pointe schon kennt.
Und nicht alles war zur Erheiterung gedacht. Eherbrecher, die in den Gräbern ihrer Geliebten landen, oder Dauerschwangere, die ihr achtes Kind lieber Umbringen als es groß zu ziehen, sorgen dafür, dass für wirklich jede Schauerstufe was dabei ist.
Und - vielleicht bin ich ja leicht zu beeindrucken, aber es ist trotzdem nicht selbstverständlich - dass im Grunde jeder auf der Bühne mindestens ein Instrument beherrschte, fand ich doch bemerkenswert. Und ich rede hier nicht vom Kamm, sondern von Gitarre, Mundharmonika, Akkordeon, einem Mini-Keyboard und von einem als Trommel umfunktionierten Mülleimer - also die Dinge, die man nicht unbedingt an einem verregneten Sonntag lernt.
Auch wenn nicht jede Pointe Begeisterungsstürme weckt, war das Stück alle in allem durchaus sehenswert. Und unterhaltsam. (Und ich fühle mich immer noch alt...)
Und - Überraschungserkenntnis des Abends - Andreas Range ist noch immer in Halle. Schön, dass ich das nach einem Dreivierteljahr auf dem Bildungszug durch die Bühnen Halle auch endlich mal mitbekomme. Eine Freundin von mir war Riesen-Fan von ihm, als sie mich damals zu den Singenden Rucksäcken mitgeschleift hat und ich für meinen Teil würde mich zumindest zu der Aussage hinreißen lassen, dass an dem Mann ein Komiker verloren gegangen ist. Zumindest was seine Gesichtszüge angeht. (Da freu' ich mich auf die 39 Stufen doch gleich mal doppelt)
Wer eines Nachts mal wirklich nichts zu tun hat und zu einem etwas makaberen Humor neigt, ist hiermit auf jeden Fall gut beraten.
Einziger Wermutstropfen: so weit ich weiß gibt es hierzu kein Programmheft. Bei einigen Sachen hätte ich schon gern mal gewusst, wo sie her sind und was man zur Selbstbespaßung vielleicht noch an Werken anschließen könnte.
Das Hoftheater macht bei etwas milderen Temperaturen sicherlich noch mehr Spaß, aber ein Sternenklarer Himmel und Makaberes zum warm werden, sind keine grundlegend falsche Kombination.
Das Programm selbst war bunt gemischt. Nur leider sind die meisten Pointen mit etwas Übung absehbar. Was aber das Programm nicht abwerten soll. Schon allein für die Parodie auf Schillers Handschuh hätte ich mich aus dem Haus bewegt. So richtig alt fühlte ich mich, als plötzlich von Knorkator "Weg nach unten" erklang. Und der Sketch, der strukturell dem Lied "Nichts von Bedeutung" von Max Raabe gleicht, macht immerhin auch dann noch Spaß, wenn man die wahrscheinliche Pointe schon kennt.
Und nicht alles war zur Erheiterung gedacht. Eherbrecher, die in den Gräbern ihrer Geliebten landen, oder Dauerschwangere, die ihr achtes Kind lieber Umbringen als es groß zu ziehen, sorgen dafür, dass für wirklich jede Schauerstufe was dabei ist.
Und - vielleicht bin ich ja leicht zu beeindrucken, aber es ist trotzdem nicht selbstverständlich - dass im Grunde jeder auf der Bühne mindestens ein Instrument beherrschte, fand ich doch bemerkenswert. Und ich rede hier nicht vom Kamm, sondern von Gitarre, Mundharmonika, Akkordeon, einem Mini-Keyboard und von einem als Trommel umfunktionierten Mülleimer - also die Dinge, die man nicht unbedingt an einem verregneten Sonntag lernt.
Auch wenn nicht jede Pointe Begeisterungsstürme weckt, war das Stück alle in allem durchaus sehenswert. Und unterhaltsam. (Und ich fühle mich immer noch alt...)
Und - Überraschungserkenntnis des Abends - Andreas Range ist noch immer in Halle. Schön, dass ich das nach einem Dreivierteljahr auf dem Bildungszug durch die Bühnen Halle auch endlich mal mitbekomme. Eine Freundin von mir war Riesen-Fan von ihm, als sie mich damals zu den Singenden Rucksäcken mitgeschleift hat und ich für meinen Teil würde mich zumindest zu der Aussage hinreißen lassen, dass an dem Mann ein Komiker verloren gegangen ist. Zumindest was seine Gesichtszüge angeht. (Da freu' ich mich auf die 39 Stufen doch gleich mal doppelt)
Wer eines Nachts mal wirklich nichts zu tun hat und zu einem etwas makaberen Humor neigt, ist hiermit auf jeden Fall gut beraten.
Einziger Wermutstropfen: so weit ich weiß gibt es hierzu kein Programmheft. Bei einigen Sachen hätte ich schon gern mal gewusst, wo sie her sind und was man zur Selbstbespaßung vielleicht noch an Werken anschließen könnte.
Montag, 24. Mai 2010
Wunderhorn
Manchmal würde es helfen, vorher mal die Tagespresse zu studieren, was einen so erwarten könnte. Gut, mein Empfinden und die Bewertung der MZ laufen normalerweise auseinander, aber in dem Fall hätte ich wenigstens vorher gewusst, dass es sich nicht um einen Liederabend, sondern um eine moderne Oper handelt. Und genau das hätte mich wahrscheinlich effektiv davon abgehalten, mir die Karte für diese Veranstaltung zu holen.
Was an mir und meinem fehlenden musikalischen Verständnis liegt, nicht am Stück.
Falls jemand hier vor hat sich das Stück anzusehen: ich empfehle dringend die zwei Euro für ein Programmheft zu investieren. Abgesehen davon, dass man den Liedtext mitlesen kann, erklärt es einem auch gleich noch, was man da vermeintlich sieht und hört...
Nun ist es nicht so, dass ich keine eigene Meinung habe. Die würde so aber wirklich niemand ins Programmheft schreiben.
Fangen wir mal mit etwas einfachem an:
Architektur und so. Die neue Residenz gewinnt keinen Schönheitspreis, hat aber eine gute Akustik. Oder wie ich sagen würde: eine zu gute. Ich habe selten so deutlich gehört wie Darsteller den Einsatz des Chors anatmen; die Dame am Horn braucht ja auch Sauerstoff und dann war da noch der Kerl irgendwo rechts, der sich standhaft weigerte sein Problem mit einem Taschentuch zu beheben.
Aber so etwas bringt wohl nur mich auf die Palme.
Und dabei hatte das Stück WIRKLICH gut angefangen. Ich bin immer noch beeindruckt, dass der Darsteller des Heinrich - seines Zeichens gebürtiger Isländer - akzentfrei gesungen hat. Im Publikum saßen drei Solisten des Opernhauses, so dass ich mir eigentlich dachte "Wenn die zu einer Vorstellung kommen, muß es gut sein". Und da ich normalerweise für Realitätsbrechungen sehr empfänglich bin, habe ich mich in den ersten 10 bis 15 Minuten gut amüsiert... und mich dann verzweifelt gefragt, was ich da eigentlich sehe...
Abgesehen davon, dass es an manchen Stellen schwer ist zu folgen, habe ich irgendwann den Faden verloren, ob die Handlung in dem nachgebauten Puppentheater oder die drum herum die eigentlich wichtige war. Ein Blick in das Programmheft verrät: Das ich Musik in der 10ten abgewählt habe, war hier der eigentliche Nachteil. Sie stand im Mittelpunkt. Oder was man halt so als Musik bezeichnet... Ich habe also im Stück angefangen mir das schön zu lesen, was ich intellektuell einfach nicht verstanden habe.
Die Stimmen des Chors imitieren einzelne Instrumente und die Zuordnung wechselt?
Ah...ja...erm...
Die anderen Stilblüten in dem Heft möchte ich gar nicht erst erwähnen. So kann nur jemand schreiben, der Musik auf einem Level versteht, das ich in diesem Leben nicht mehr erreichen werde, noch erreichen möchte.
Aber - und das passiert mir in Halle auch nicht zum ersten Mal - ich habe ein wenig der frei werdenen Zeit genutzt mich umzusehen und mehr als nur einen gefunden, der wiederholt das Programmheft konsultierte. Ich dachte schon, andere würden genauso leiden wie ich. Die Gesichtsausdrücke legten dies zumindest nah... bis zum Schlußapplaus. Scheinbar haben die sich alle SEHR innerlich gefreut und am Ende geklatscht wie auf einem Robbin Williams Konzert...
Das sind die berühmten Momente in denen die Selbstwahrnehmung und die Reaktion Anderer auseinander driften. Ein Phänomen das Volker Pispers mal mit dem Konzept der gefühlten Wirklichkeit erklärt hat.
Gefühlt war es atonale Musik mit verworrener Handlung, der man nur bedingt folgen konnte. Und einiges war schon rein akustisch schwer zu erfassen. Realistisch war es scheinbar ein hoch intelligentes Stück mit anspruchsvoller musikalischer Struktur und tiefen existentiellen Problemen...
Und wer wissen will, welche der beiden Interpretationen nun subjektiv für ihn oder sie wahrscheinlicher ist, sollte einfach mal hin gehen.
Dem Programmheft nach zu schließen könnte ein Musikwissenschaftler damit wirklich seinen Spaß haben. Für alle anderen... Tja... Es gibt auf dem Spielplan wirklich einfacher zugängliche Stücke. Vielleicht sollte man mit einem davon anfangen.
Was an mir und meinem fehlenden musikalischen Verständnis liegt, nicht am Stück.
Falls jemand hier vor hat sich das Stück anzusehen: ich empfehle dringend die zwei Euro für ein Programmheft zu investieren. Abgesehen davon, dass man den Liedtext mitlesen kann, erklärt es einem auch gleich noch, was man da vermeintlich sieht und hört...
Nun ist es nicht so, dass ich keine eigene Meinung habe. Die würde so aber wirklich niemand ins Programmheft schreiben.
Fangen wir mal mit etwas einfachem an:
Architektur und so. Die neue Residenz gewinnt keinen Schönheitspreis, hat aber eine gute Akustik. Oder wie ich sagen würde: eine zu gute. Ich habe selten so deutlich gehört wie Darsteller den Einsatz des Chors anatmen; die Dame am Horn braucht ja auch Sauerstoff und dann war da noch der Kerl irgendwo rechts, der sich standhaft weigerte sein Problem mit einem Taschentuch zu beheben.
Aber so etwas bringt wohl nur mich auf die Palme.
Und dabei hatte das Stück WIRKLICH gut angefangen. Ich bin immer noch beeindruckt, dass der Darsteller des Heinrich - seines Zeichens gebürtiger Isländer - akzentfrei gesungen hat. Im Publikum saßen drei Solisten des Opernhauses, so dass ich mir eigentlich dachte "Wenn die zu einer Vorstellung kommen, muß es gut sein". Und da ich normalerweise für Realitätsbrechungen sehr empfänglich bin, habe ich mich in den ersten 10 bis 15 Minuten gut amüsiert... und mich dann verzweifelt gefragt, was ich da eigentlich sehe...
Abgesehen davon, dass es an manchen Stellen schwer ist zu folgen, habe ich irgendwann den Faden verloren, ob die Handlung in dem nachgebauten Puppentheater oder die drum herum die eigentlich wichtige war. Ein Blick in das Programmheft verrät: Das ich Musik in der 10ten abgewählt habe, war hier der eigentliche Nachteil. Sie stand im Mittelpunkt. Oder was man halt so als Musik bezeichnet... Ich habe also im Stück angefangen mir das schön zu lesen, was ich intellektuell einfach nicht verstanden habe.
Die Stimmen des Chors imitieren einzelne Instrumente und die Zuordnung wechselt?
Ah...ja...erm...
Die anderen Stilblüten in dem Heft möchte ich gar nicht erst erwähnen. So kann nur jemand schreiben, der Musik auf einem Level versteht, das ich in diesem Leben nicht mehr erreichen werde, noch erreichen möchte.
Aber - und das passiert mir in Halle auch nicht zum ersten Mal - ich habe ein wenig der frei werdenen Zeit genutzt mich umzusehen und mehr als nur einen gefunden, der wiederholt das Programmheft konsultierte. Ich dachte schon, andere würden genauso leiden wie ich. Die Gesichtsausdrücke legten dies zumindest nah... bis zum Schlußapplaus. Scheinbar haben die sich alle SEHR innerlich gefreut und am Ende geklatscht wie auf einem Robbin Williams Konzert...
Das sind die berühmten Momente in denen die Selbstwahrnehmung und die Reaktion Anderer auseinander driften. Ein Phänomen das Volker Pispers mal mit dem Konzept der gefühlten Wirklichkeit erklärt hat.
Gefühlt war es atonale Musik mit verworrener Handlung, der man nur bedingt folgen konnte. Und einiges war schon rein akustisch schwer zu erfassen. Realistisch war es scheinbar ein hoch intelligentes Stück mit anspruchsvoller musikalischer Struktur und tiefen existentiellen Problemen...
Und wer wissen will, welche der beiden Interpretationen nun subjektiv für ihn oder sie wahrscheinlicher ist, sollte einfach mal hin gehen.
Dem Programmheft nach zu schließen könnte ein Musikwissenschaftler damit wirklich seinen Spaß haben. Für alle anderen... Tja... Es gibt auf dem Spielplan wirklich einfacher zugängliche Stücke. Vielleicht sollte man mit einem davon anfangen.
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