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Montag, 20. Mai 2013

Frankenstein Junior und das WGT

Ich war Samstag in Leipzig, weil ich mir zwar seit Wochen die Pfingsferienpläne aller möglichen Kollegen anhören darf, aber irgendwie die Verknüpfung zu "Wave Gothic Treffen ist ja auch mal wieder" komplett fehlte.

Ich frühs also halb acht raus - was prinzipiell eine blöde Idee ist wenn man Abends noch in die Oper will. Und seit Samstag weiß ich: meine Schuhe sind tatsächlich Wasserdicht. Etwas das ich von meiner Hose nicht behaupten kann.

Womit der Tag um 10 eigentlich gelaufen war noch bevor er richtig angefangen hatte.

C. hat sich zwar nach Kräften bemüht mich bei Laune zu halten (Danke, ehrlich.), aber es gibt Tage an denen hilft gar nichts mehr. Zumal Leipzig bei dem Wetter auch nicht wirklich nach WGT aussah. Zumindest nicht so sehr wie in einigen anderen Jahren.

Als ich dann also kurz nach fünf wieder hier in Halle war, fühlte ich mich körperlich eigentlich schon der dunklen Seite der Gesundheit zugehörig und hätte am liebsten ein heißes Vollbad und eine Mütze voll Schlaf genommen.

Was man natürlich auch keine Lösung ist, wenn man zweieinhalb Stunden später in der Oper sein muss.

Ganz ehrlich: wenn ich die Karte nicht schon gehabt hätte: ich wäre Heim gegangen. Ich war an dem Abend alles, aber auf keinen Fall entspannt und aufnahmefähig.

Was natürlich auch ein Weg ist die Erwartungen unten zu halten. Vor allem wenn es schon zwei Vorab-Schnupper-Abende gab und der Saalplan beim letzten Blick drauf trotzdem eher an eine Privatvorstellung als an eine Premiere erinnerte.

(Ich meine: ehrlich. Es ist Pfingsten, es sind Ferien, es ist Urlaubszeit und Alle die irgendwie in die Altergruppe fielen und trotzdem hier waren konnte man wahrscheinlich entweder beim WGT oder im Innenhof des nT finden.)

Also gut, rein in den Sitz, einmal gemütlich gefleetzt und irgendwie wird auch dieser Abend vorbei gehen.

Das war so der Grundplan.

Ich bin ehrlich, die Gruppenszenen mit dem aufgebrachten Dorf oder den mal mehr oder weniger kompetenten Kollegen des Herrn Doktor waren wenig angeneigt mich an Qualitätsunterhaltung denken zu lassen. Naja, was man bei Mel Brooks eben unter Qualität versteht. Wer Space Balls kennt (Durchkämmt die Wüste!) oder Helden in Strumpfhosen (Leiht mir euer Ohr!) der weiß dass man hier im allgemeinen mit wenig Wissen sehr weit kommt.

Frederik Frankenstein (Augenzwinkernd selbstreferenziell gespielt von Björn Christian Kuhn) erbt als letzter lebende Nachfahre das Haus seines berühmte Ahnen. Freilich hat er sich die ganze Zeit gegen den Ruf gewehrt dem sein Name anhängt, aber nach etwas Zusprache von Igor (herrlich schräg: Ásgair Páll Ágústsson) und den mehr oder weniger subtilen Hinweisen von Frau Blücher (Gabriele Bernsdorf, meiner unwichtigen Meinung nach in einer ihrer bisher besten Rollen) geht es ans Werk - verfolgt von den nicht ganz so wohlwollenden Blicken der Dorfbewohner, den... erm... hingebungsvoll unterstützenden Hilfeleistungen der neuen Assistentin Inga (alternierend Julia Klotz oder Bettina Mönch) und den etwas... erm... bin eigentlich nur ich der Meinung das Frankensteins Verlobte Elizabeth Benning (Anne Thóren)... erm... die meiste Zeit ein generelles Problem mit Monogamie hat? Wobei man fairer Weise sagen muss: dass schien da allen so zu gehen...

Und natürlich ist Frankensteins Schöpfung, im Programmheft vereinfachend als "Das Monster" umschrieben (von Thomas Weissengruber ge... erm...stakst?), von allen Missverstanden und generell vorverurteilt - mal abgesehen davon, dass er nicht das allerbeste Hirn abbekommen hat - nicht unbedingt ein Grund für Jubelstürme... jedenfalls aus der Perspektive des nicht sonderlich weitsichtigen Dorfpublikums.

Wenn man das Jubel-Stürmen hingegen mit Mistgabel und Fackel... wir wissen ja wo so was endet. (in dem Fall offensichtlich entweder im Ritz oder im Wald)

Und ich muss ehrlich sagen richtig "angekommen" bin ich in dem Stück eigentlich erst bei diesem unsäglichen Lied über das Gehirn. Es gab einen Namen auf den ich wirklich gewartet habe und der tatsächlich fiel: Tesla.

!Achtung Bildung!

Damit ihr aus diesem Tag außer unstrukturierter Gedanken noch irgendwas mitnehmt: Wer war Tesla?

Wer Englisch kann und keine übermäßige Verehrung für Edison hegt, kann gerne mal die Suchmaschine seines Vertrauens nach den zwei Worten Oatmeal und Tesla fragen. Wer da durch ist - so nach etwa einer halben Stunde Tabs öffnen, neue Cartoons ansehen, noch einen Link finden.... - kann ja für weiterreichende Bildung noch die Auseinandersetzung mit Forbes lesen. Den Anderen bleibt immer noch Wikipedia.

Und da Musik ja angeblich keine Sprachbarrieren hat - und dem einen oder anderen das Wort Geek vielleicht noch nicht so geläufig ist - empfehle ich einfach mal auf Youtube nach "Tesla Coils" zu suchen. Dort einfach ein bissel durchscrollen bis ihr einen Titel findet der euch zusagt. Und dann viel Spaß.

Eine weitere halbe Stunde später solltet ihr irgend etwas gefunden haben dass euch zusagt, selbst wenn es absolut gar nichts mehr mit den Spulen zu tun hat...

Und wer jetzt der Meinung ist zeitintensive Internetsuchhilfen vermitteln keine Bildung: sich selbst aneignen hilft und bildet. Nicht nur bleibt das gelernte dann besser hängen... Neugierde ist auch eine der wichtigsten Eigenschaften die der Mensch hat. Oder glaubt ihr Victor Frankenstein hätte irgendwas in seinem Labor zum Leben erweckt, wenn er nicht wissbegierig gewesen wäre? Oder Geistesgestört... Gut, kann auch sein dass es an Mary Shellys schlechten Träumen und der angespannten Atmosphäre bei einem der folgenschwersten Wanderausflüge der Literaturgeschicht liegen (Polidori schrieb Der Vampir, auch wenn der gerne Byron zugeschrieben wird, Mary Shelly schrieb Frankenstein, auch wenn ihr Mann wohl einiges darin verschlimmbesserte...) ... aber dann kommen wir hier nie zum Schluss, dass ist jetzt schon wieder viel zu lang.

!Bildung Ende!

So, und da ich generell bereit bin jemandem der Tesla gut findet eine Menge durchgehen zu lassen (abgesehen von der tätigen Körperverletzung), hab ich ab der Szene mein Nörgeln einfach mal ausgestellt und mir den Rest der Handlung mit gebürtigem Humor angeschaut... zumal die eine oder andere sexuelle Anspielung ohne wahrscheinlich auch nicht ertragbar gewesen wäre. (Kommentar einer Arbeitskollegin: "Mitunter habe ich mich schon gefragt: muss das jetzt wirklich sein?")

Warum ist das eigentlich so lang geworden?

Ach ja, weil ich noch über die Pause nörgeln wollte.

Ich werde hier keine Zahlen nennen, aber nach der Pause stand ich drei mir bekannte Gesichtern gegenüber, die reichlich erstaunt schienen, dass ich "auch" da war. Scheinbar hatte irgend wer kurz vor der Premiere den genialen Einfall: alles was noch nicht weg ist kommt zum Schleuderpreis an die Kasse... womit ich für meine Premierenkarte in bester Lage etwa acht Mal mehr bezahlt habe als die kurzentschlossenen Freunde im zweiten Rang, denen angesichts meiner Karte leicht die Gesichtzüge entglitten.

Ansonsten hatten wir Spaß. Ein Blick in die aktuelle Ausstellung im ersten Rang (richtig gute Bilder!), ein kurzer Plausch wer was in den letzten Wochen gemacht hat. Und der geniale Kommentar von G. als ich ihr sagte, dass ich bei einer billigeren Karte unter Garantie vom Bahnhof aus nach Hause gegangen wäre und dort auch geblieben wäre:

"Da hättest du aber was verpasst!"

Recht hat sie.

Etwa die Szene mit dem Monster (was echt fies klingt, kann man ihn nicht irgendwie Steini oder so nennen? Ich find ihn mittlerweile aus Prinzip gut. So schlimm ist er eigentlich gar nicht... nur missverstanden mit einer Feuerphobie.) und dem blinden Mann im Wald - der ja eigentlich der sein soll der Frankensteins Schöpfung die wichtigen Dinge im Leben beibringt und das ganze damit nur noch schlimmer macht... zum Beibringen kommt er in der Szene gar nicht mehr. Aber Schlimmer wird es auf jeden Fall.

Es ist im Grunde eine absolut blödsinnige Szene, aber sie lebt davon dass man weiß was eigentlich passieren sollte... und das genaue Gegenteil davon untergejubelt bekommt.

Ich hoffe einfach mal dass sich das irgendwie durch Mundpropaganda noch retten lässt. Bevorzugt von jemandem der eloquenter ist als ich. Das Stück war wirklich gut. Wir waren alle vier am Ende hell auf begeistert.

Aber, eben noch nicht umgeworfen. Die strahlenden Augen der drei genannten Bekannten wurden eben noch eine Runde strahlender, als ich meinte die Wiederaufnahme der 39 Stufen wäre am gleichen Abend auch gewesen.

Ach ja,  und für die die da waren: erinnert sich wer an die Szene mit der Wissenschaft und der Würde und dem Anstand? Die die am lautesten gelacht haben waren (Ex-)Studenten. Ich habe bisher noch keinen Studenten kennen gelernt der eine Woche vor der Abgabe der Abschlussarbeit nicht etwa genau so reagiert hätte.

Tja, und ich geh jetzt erst mal meine Regenjacke imprägnieren.

Ich wollte ja heute noch ins Hoftheater... mal schauen ob das Wetter mitmacht...

Montag, 31. Oktober 2011

My Fair Lady

Guten Morgen. ^^
Und ob man das nun glaubt oder nicht: gestern hat mit einer Menge versöhnt.
Ich meine: Zscherben war geradezu liebenswert absurd, allerdings in erster Linie weil sie die Hauptrolle spontan umbesetzen mussten. Und Woyzeck... ist wohl am besten mit einem Wort von Sir Laurence Olivier beschrieben: "Niemand auf der Welt ist so wehrlos wie ein toter Autor gegen einen lebenden Regisseur."

Und da ich gestern nicht alleine war, konnte ich auch um die größte Schwäche von My Fair Lady mehr oder weniger "drum herum schauen".

Ich meine: seien wir doch mal ehrlich. Man weiß was passiert, egal ob man das Stück mal gesehen, gelesen, gehört oder eben auch nicht. Und auch wenn der Text von Pygmalion für das Musical extrem herunter gekürzt werden musste, ist es immer noch George Bernhard Shaw.
Der Mann ist nicht Oscar Wilde, welcher einmal meinte "Ich verstehe nicht, weshalb man soviel Wesen um die Technik des Komödienschreibens macht. Man braucht doch nur die Feder in ein Whisky-Glas zu tauchen."
Shaw nimmt für so etwas keinen Whisky, sondern ein gerütteltes Maß ausgesuchter Beleidigungen und allgemeiner Überheblichkeit, übrigens von Martin Reik in der Rolle des Professor Henry Higgins mit einer fantastischen Selbstverständlichkeit dargeboten.
Ihm zur Seite bei dem halbjährlichen Experiment steht Stanislaw Brankatschk als Oberst Pickering.
Und die Lady des Abends: Nadine Eisenhart als Eliza Doolittle. (Die Rolle wird alternierend auch von Melanie Hirsch gespielt)
Andere wichtige Rollen wären dann Jürgen Trekel als Alfred P. Doolittle, Elizas rhetorisch begabter Vater (alternierend auch von Christopher Stegemann gespielt); Gabriele Bernsdorf als verbal schnittige Mutter von Professor Higgins; Barbara Zinn als Mrs. Pearce, die etwas irritierte Haushälterin von Mr. Higgins und Björn Christian Kuhn, der, wie Axel Köhler vorher noch mitteilte, zwar verschnupft auf der Bühne stand, dafür aber als Freddy Eynsford-Hill, Elizas ewig wartender Verehrer, eine hervorragende und vor allem sauber gesungene Leistung ablieferte.

So, das Who-ist-Who hätte wir damit auch. Wie war es denn nun unterm Strich?

Fangen wir noch mal ganz von vorne an:
Statt an den Eingängen zum Saal standen die Kartenabreißer dieses Mal unten an den Treppen UND fragten tatsächlich nach meinem Studentenausweis. Es ist nicht so dass ich es nicht verstehen könnte, aber es erinnert ein wenig an die Havag: Sie können das Ticket eh nur kaufen wenn sie den Ausweis vorzeigen, aber nutzen dürfen Sie es auch nur wenn Sie den Ausweis weiter mit sich rum führen. Ein wenig Schitzophren, vor allem weil ich Menschen kenne die so nahe an der Uni wohnen, dass sie den Ausweis nicht als Fahrkarte brauchen und daher gerne vergessen, aber bitte. Es ist nicht so, dass ich es gar nicht verstehen würde. Ich schüttle eher den Kopf über den Effekt der da mit dran hängt: Nicht jeder kann so bescheuert oft ins Theater gehen wie ich, aber weil dieses Mal keine Kartenabreißer vorm Saal standen, gab es sowohl im Parkett als auch im ersten Rang Menschen die eine ganze Reihe auf die Knie gezwungen haben, feststellten dass auf ihrem Platz schon wer sitzt, ihre Karte noch mal genauer studierten und feststellten dass Sie sich in der Etage geirrt hatten, also volles Kommando zurück.
Ich nehme den Leuten das noch nicht mal übel, immerhin gibt es keinen direkten Weg vom ersten in den zweiten Rang. Es ist einfach so dass die Organisation schon mal weitaus besser war.

Das Stück selbst war - im Rahmen des Möglichen - durchaus sehenswert.
Ich persönlich habe jetzt keine Ohrwürmer mirgenommen und wie gesagt: viel vom eigentlichen Wortwitz musste dran glauben.
Aber ansonsten haben sie das Stück sehr gut ausbalanciert.
Singende Rollen wurden (weitgehend) vom Opernhaus gestellt, gesangsfreie Rollen vom Neuen Theater. Gerade das Studierzimmer von Mr. Higgins ist perspektivisch sehr schön gelöst. Und der Rest kam mit einem Hintergrundbild und einer Handvoll Requisiten wirklich sehr weit.

Unter Strich ist es harmlos fluffige Unterhaltung - genau richtig für die graue Jahrezeit - und inhaltlich wirklich schön und mit Elan und Spielfreude dargeboten, knatschige Dialekte inklusive.
Unterm Strich - gerade für Menschen die mit dem Stoff mehr anfangen können als ich - sicherlich ein sehr schöner Abend.
Auch wenn sich gerade in der zweiten Hälften die musikalisch untermalten Umbaupausen hinter geschlossenem Vorhang ein wenig mehren, aber bitte: man ist ja in der Oper und nicht auf der Flucht.
Wer Zeit und den Wunsch nach harmloser Unterhaltung mitbringt - und Eskapismus ist ja nun wirklich keine Schande - der ist hier auf jeden Fall gut beraten.
(Auch wenn ich das vielleicht nicht ganz so sanft formuliert habe, wie es einem Musical gebürt...)

Sonntag, 18. September 2011

Fabelhafte Familie Baader

So, das Chronologie nur was für Angeber ist geht es jetzt mit der Premiere weiter, die eigentlich vor den Webern kam, in diesem Blog aber erst nach ihnen behandelt wird:

Die Fabelhafte Familie Baader.

Die erste "reguläre" Premiere, nach der Großen Freiheit 51, in der ehemaligen Werft, jetzt Kammertheater oder kurz Kammer. (Und ja, ich hab nT Kammer als neues Tag eingeführt und werde das noch eine Weile parallel benutzen.)

Als kleines Premieren-Spezial gab es noch eine unverkrampfte Einführung vor der eigentlichen Premiere, die in vergleichsweise kleiner Runde im Kammer-Foyer stattfand, bzw. an der Bar in der ersten Etage.
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich auch erst kurz vorher mitbekommen habe, dass diese Einführung statt finden würde, es stand nämlich relativ klein und gut zu übersehen direkt auf der Premierenkarte. Um so besser, dass ich wirklich noch rechtzeitig da war.

Ein Getränk, ein Sitzplatz und los geht's... mit ein wenig Verspätung, denn der Raum füllte sich nur langsam. Matthias Brenner als neuer Intendant begrüßte schon mal die Anwesenden, Henriette Hörnigk als neue Chefdramaturgin nahm auch schon einmal Platz und wer da war konnten sich schon einmal auf das kommende Theaterstück einstimmen.

Wer die Einführung verpasst hat, braucht sich an der Stelle übrigens nicht zu ärgern. Anders als in der Oper, wo es bisher meist um die Vermittlung von Hintergrundwissen, geschichtlichen Zusammenhängen und musikhistorischen Einordnungen ging, ging es im nT eher im netten Plauderton voran: wie ist man auf das Stück aufmerksam geworden und warum ist es gerade das geworden?
Etwas vergleichbares soll es vorerst vor jeder Premiere geben.
(Und für Interessierte, bevor es hier endlich mit der Premiere weiter geht: die Werft/ Kammer/ "was auch immer" soll nach Matthias Brenners Angaben noch ein wenig entkernt werden. Es wird wohl kein zu klein geratener Tanzsaal mehr werden, aber mit ein wenig Glück sieht man bald ein paar der Fenster wieder. Und die Kammer ist vorerst für kleinere Inszenierungen aus den letzten 15 Jahren geplant, also für neuere Stücke. Ich lasse mich überraschen, der Teil klingt für mich aber schon mal latent abgeschreckt.)

So, worum geht es nun eigentlich in diesem Stück?
Das Prinzip Gonzo hatte ich ja schon mal verlinkt, was wahrscheinlich mehr über den theoretischen Unterbau des Stückes verrät, als ich mir hier aus den Fingern saugen kann.
Grob gesagt, wurden Andreas Baader und Gudrun Ensslin keine Terroristen, sondern... naja, Karrieregeile Konsumjunkies mit ordentlich einem an der Klatsche.
Und aus Gudrun wurde Gutrun, woran sicherlich auch noch irgendwer ein nettes Wortspiel findet, aber sei es drum.
Oh, und Carsten Brandau - der Autor des Stückes - hat sich als Sekretär selbst mit in das Stück hinein geschrieben, was das Ganze jetzt nicht wirklich einfacher macht.

Also: Andreas Baader, gespielt von Martin Raik, strebt nach einem guten Posten und vor allem nach einem standesgemäßen Auto. Gutrun, gespielt von Bettina Schneider, ist... ein wenig pyromanisch veranlagt, geht fremd und verliert gerne mal ihre Finger beziehungsweise gleich die ganze Hand. Und Carsten Brandau, gespielt von Alexander Plensel... macht das ganze jetzt nicht wirklich harmloser.

Inhaltlich ist das ganze ehrlich schwer zusammen zu fassen, vielleicht als eine Art Mischung aus Screwball Comedy und Gesellschaftskritik und diesem überbordend absurden Humor der sich bei mir normalerweise erst an der Schwelle zwischen Überarbeitung und Übermüdung einstellt.

Vielleicht sollte ich mich - gerade um die Uhrzeit - einfach ganz geschickt mit Folgendem aus der Affäre ziehen:
Für Drehbuchfetischisten und solche die es werden wollen, ist der komplette Text im Programmheft abgedruckt. Ich habe zwar fast die Befürchtung, dass das weiß auf fröhlichem Schwarz vorerst Gestaltungs-Standart ist, aber wie dem auch sei: für 2 Euro kann man das Heft notfalls auch vorab erwerben und schon mal reinschmökern, ob das so in etwa dem eigenen Geschmack zu entsprechen scheint.

Teilweise herrlich lustig, teilweise einfach nur überdreht oder komplett absurd, aber auf jeden Fall überraschend.
Für Freunde des etwas abseitigen Humors sicherlich sehenswert.

Und bevor ich mich hier um Kopf und Kragen schreibe gehe ich jetzt endlich ins Bett und überlege mal lang und breit, woher mir eigentlich der Name Carsten Brandau bekannt ist, obwohl ich auf seiner Wikiseite spontan nichts gefunden habe, was ich schon kenne...

Samstag, 17. September 2011

Die Weber

Ufts.
Ich bin erst mal wieder zuhause. Und ich glaube das beste Wort, dass mir für die Weber Inszenierung einfällt ist "Ausdrucksstark".

Das Ganze fing eigentlich ganz harmlos an. Genauso wie bei der Fabelhaften Familie Baader gab es eine Einführung zum Stück, auch wenn das Foyer vorm Saal vielleicht nur bedingt akustisch geeignet ist. Auf jeden Fall hatten wir alle die Möglichkeit verschüttetes Grundwissen aus dem Schulunterricht zu reanimieren.
Mit einem gewissen Augenzwinkern erfuhr man auch noch, dass Henriette Hörnigk durchgesetzt hat, dass dieses Stück auf dem Spielplan steht und Jörg Steinberg durchgesetzt hat, dass Jo Fabian die Regie übernahm. Und das Gerhart Hauptmann - von dem das Stück ja ursprünglich mal stammte - sich im Rahmen der Zensur so lange hin und her gewunden hat, dass heute nur noch schwer auszumachen ist, was er damit eigentlich zum Ausdruck bringen wollte. Überhaupt scheint das Stück um die leidenden Weber eine recht bewegte Geschichte hinter sich zu haben.

Und - Achtung, schlechte Überleitung - bewegt geht das Stück dann auch los.
Wir sehen eine weiße Fläche, in der Mitte ein Roter Teich oder Klärtümpel (kommt auf die Interpretation an), Karl-Fred Müller spielt in einer einsamen Ecke Akkordeon. Und nach und nach steigen die Darsteller aus den Untiefen der Bühne auf, begleitet von Nebel und rotem Licht. Über die Mitte der Bühne sind frei hängende Eisenstangen gespannt und zwischen denen laufen die Darsteller vorerst hin und her, das Muster von Schussfäden imitierend.
Der Zuschauer kann sich bei der Gelegenheit schon mal an das triste Einheitsschwarz der Weber und die langen Zottelmähnen gewöhnen. Die Stimmung löst sich langsam, geht in eine Art von Tanz über und wie immer wenn es langsam lustig wird, plärrt von irgendwoher ein Spielverderber, sie sollen damit aufhören. Es handelt sich hierbei um den Expedienten, eine Art Vorsteher des Fabrikeigentümers. Und wo der ist, ist sein Herr natürlich auch nicht weit.

Ich behaupte jetzt mal in germanistischer Selbstüberschätzung, dass ich hier hoffentlich Keinem erklären muss wie die Geschichte mit den Webern weiter geht.

Und bringe wir an der Stelle einfach mal das Schlimmste hinter uns:
es ist im Grunde genau die Art von Modernen Theater vor dem ich mich normalerweise drücke und mit dem ich eigentlich nichts anfangen kann. Dafür war der Abend aber echt gut.

Im Großen und Ganzen ist das Stück einfach sehr auf das wesentliche Reduziert und mutet bei gerade einmal einer Stunde dreizig doch die eine oder andere Leerstelle zu, die man entweder gespannt auf Kleinigkeiten schaut (meine Reaktion) oder Reflexartig immer wieder mal das Handy zückt um zu schauen wie lange man noch muss (die Reaktion links neben mir).

Davon abgesehen arbeitet das Stück - wenn man einmal um das karge Bühnebild herum schaut - eigentlich mit sehr konventionellen Versatzstücken.
Die Dialoge der Weber sind sehr überschaubar, in einem sehr urigen Dialekt, der zumindest mir nicht direkt ins Ohr ging. Man hat trotzdem verstanden worum es ging.
Ein bisschen Klischee ist natürlich auch mit dabei, wie etwa der ewig fressende Pfaffe, der gierige und geistig eher wenig begütete Fabriksleiter und eine sehr klassische Aufteilung der Welt in Oben und Unten und ein klein wenig Mitte.

Das ganze untermalt von eingängiger Musik, von Rammstein über chorale Gesänge bis zu Apocalyptica.

Und der gewaltsamere Teil der Handlung ist sehr zurück genommen.


Das klingt jetzt so niedergeschrieben nicht unbedingt nach einer gelungenen Mischung, der Punkt ist aber: wenn man bereit ist sich darauf einzulassen, ist das Stück wirklich gut. Da es fast nichts gibt was einen ablenken könnte, schlagen die Dialoge und Beschwerden direkt ein.

Auf jeden Fall eine sehr interessante Mischung aus Entschleunigung und Wut.
Um das mal so auf den Punkt zu bringen.

Und ich habe gerade mal mit einem Auge geillert, was MZ Web so macht, weil ich eigentlich halb davon ausgegangen bin, noch irgendwo eine Harz 4 Referenz zu finden. (Fehler meinerseits, die war nicht mit dabei)
Aber mir ist bei der Gelegenheit noch einmal ins Auge gesprungen, dass das was ich hier eher schlecht als recht zu vermitteln versucht habe Jo Fabians ganz persönliche Handschrift ist. Eine Mischung aus Massenszenen, Musik, minutiöser Choreographie und etwas eigenwilliger Bearbeitung.

Es ist, wie gesagt, nicht die Art von Theater für die ich gerne mit Genuss wieder kommen würde, aber das Stück trägt auf jeden Fall eine interessante Handschrift. Und um sich einmal von einem Klassiker umhauen zu lassen, ist das eine echt gute Gelegenheit.

Sonntag, 11. September 2011

Große Freiheit 51

Woah, Hilfe. Nachdem mich gestern wohlmeinende Menschen mit insgesamt vier Kaffee abgefüllt haben und es bei der Premiere zur Großen Freiheit 51 auch noch Sekt gab... irgendwie bin ich heute nicht wirklich zu etwas zu gebrauchen, was Hirn erfordert.

Künstlerisch wertvolle Rezensionen sind heute auf jeden Fall Mangelware.

Dabei war die gestrige Premiere durchaus unterhaltsam.

Matthias Brenner - der gestern Geburtstag hatte, wie der eine oder andere vielleicht mitbekommen hat - sah sich auf Grund der Doppelveranstaltung mit IC Falkenberg veranlasst die Premiere gestern um ein ganzes Stück zu kürzen, und zwar direkt am Anfang. Als Hilmar Eichhorn meinte, er würde seinen großen Traum jetzt nicht erzählen, weil die Zeit eilt, aber beim nächsten Mal, da würde er ihn erzählen und wir müssten eben einfach noch einmal wieder kommen, wenn wir ihn hören wollten... nun, da hat er das ernst gemeint. Der Anfang soll wohl ein ganzes Stück länger sein und auf den Handzetteln steht eigentlich auch noch, dass das Ensemble bei der Einleitung hätte mitwirken sollen...
Fairer weise werde ich mich dann auch nicht über besagten Epilog äußern. Vielleicht wenn ich ihn mir aufgrund unfairer Werbemaßnahmen noch mal angesehen habe. ;P

Nah, der Abend war durchaus in Ordnung. Das eigentliche Problem des Stückes ist wirklich nicht, dass irgendwo gekürzt wurde oder werden musste. Es liegt auch nicht an der Stückauswahl, die ich an anderer Stelle schon mal erwähnt hatte. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei: modernes Theater (Heiner Müller), sozialkritisches Kostümstücke (Lenz - Sturm und Drang), Tagespolitisches, eine sehr freie Neuauflage der Bremer Stadtmusikanten, eine kleine Reflektion auf die Lage der Kulturinsel (wieder Heiner Müller) und Verarbeitungen von mehr oder weniger bekannten Filmen (Coffee and Cigarettes und Woody Allen).
Kurz: für jeden etwas.
Und wenn ich ehrlich bin: mir hat unterm Strich Daisy am besten gefallen (ein wirklich niedliches Schaf, und ja, ich mag Puppentheater). Und Alexander Pensel war wirklich hervorragend, denn zumindest für mich kam seine Rolle vollkommen unerwartet. Nur mit Heiner Müller bin ich trotz mehrerer Versuche von Seiten der Germanistik irgendwie nie vollkommen warm geworden.
Wem da nun was am ehesten zusagt ist eh subjektiv, also Schwamm drüber.

Wo ist also das Problem?
Wobei Problem schon wieder ein wenig übertrieben klingt.
Das gesamte Konzept ist unglaublich auf Lücke gebastelt.
Am Anfang hatte jeder ein Programmheft in die Hand bekommen, auf dem ein Buchstabe stand. Entsprechen sollten sich die Zuschauer dann den Gruppen zuordnen (wobei sich viele die Freiheit nahmen sich eher ihren Bekannten als den ihnen zugeteilten Buchstaben zuzuordnen.) und los geht es.

Die Runde durch die Kulturinsel ist festgelegt, die Reihenfolge ist im Grunde immer die gleiche, nur die Startpunkte sind verschieden. Und geplant war, dass jeder Wechsel zwischen den Orten genau zwei Minuten dauert.
Es geht ganz generell, wenn man gut zu Fuß ist. Aber der Knackpunkt ist einfach der: so schön es ist, die Inszenierung ist definitiv nicht Behindertengerecht.
Um das kurz zu erklären: Man sitzt, 8 Minuten wird eine Szene gespielt, in den folgenden zwei Minuten wird geklatscht, Alle erheben sich und bilden eine Menschentraube vor (zumeist) Doppelflügelige Türen von denen nur eine Seite offen ist. Es staut sich, man hastet anschließend durch Gänge, drängelt sich genauso koordiniert durch eine weitere Doppeltür und sucht einen Platz, bevor es weiter geht.
Gruppenstärke liegt so bei grob 30 Leuten, eingeplante Zeit für das ganze Prozedere: wie gesagt, 2 Minuten.

Ich habe zwischendrinnen angefangen auf das Klatschen zu verzichten, immerhin sollte es ja schnell gehen. Und der Punkt ist einfach: so riesig und beeindruckend das ganze Gebäude wirkte, als man zur Einführungsmatinee durchgelotst wurde: davon kriegt man zur Vorstellung einfach nichts mehr mit. Man ist viel zu sehr mit eilen beschäftigt.

Und ich bin schon wieder mäkelig, oder?

Wenn man gut zu Fuß ist ist das Konzept auf jeden Fall zu bewältigen. Und wenn man wenig nach links und rechts schaut und einfach den Massen, den Linien auf dem Fußboden oder den "Schließer" genannten Gruppenführern folgt auch. 

Als alternatives Spielkonzept ist es auf jeden Fall interessant, auch wenn ich vorerst nicht in der Nähe wohnen möchte. Das Nebelhorn hat man schon am Freitag über den gesamten Uniplatz gehört. Das Ding ist echt laut.

Logistisch definitiv eine Riesen Leistung.
UND einen Heiden Respekt an die Darsteller. Ich bin dank der Uni einiges gewohnt. Klimaanlage und Lüftung sind nie die wichtigsten Anschaffungen für ein Institut. Und so haben nicht Wenige von uns schon zig Seminare in Sauerstoffmangel bei kuscheliger Hitze verdöst. Bei den Bedingungen anderthalb Stunden lang auf Text, Timing und alles weiter zu achten: Respekt. Die Meisten von uns waren in den Seminaren froh, wenn sie nach 20 Minuten wieder ihre Ruhe hatten.

Montag, 4. Juli 2011

Dracula - Das Musical ^,..,^

So, da wären wir nun also. Der Dracula Marathon ist erfolgreich überstanden. Die Klamotten sind nach dem Weltuntergangsregen von gestern auch wieder trocken. Und ich setze mich bei der Gelegenheit endlich an die Rezension.

Fangen wir mal mit den halbwegs einfachen Dingen an: worum geht es?
Dracula hat ein etwas gespaltenes Verhältnis zur Kirche. Welches unter anderem dazu führt, dass er zum ewigen Leben verdammt wird, aber indirekt auch dazu, dass er seine geliebte Frau verliert, Adriana.
Als ihm dann aber klar wird, dass das mit dem Fluch ernst gemeint war... nun, Unsterblichkeit versöhnt auf den ersten Blick mit einer Menge Sachen.
Ausreichend blutdurstig geht es durch die Lande, bis eine Blutsverwandte namens Lorraine auftaucht. "In ihren Augen ist ein Licht das ich ertrag" spricht jetzt vielleicht nicht von der großen Liebe auf den ersten Biss, aber während ihr etwas überspannter Bruder schon mal als Damenfutter herhalten muss, verfällt sie Dracula mehr und mehr.
Alles könnte recht schön sein... würde Dracula nicht immer noch an seiner Adriana hängen und mehr und mehr vor sich hin siechen. Seine Lebenskräfte erwachen erst wieder - wenn auch im Udo Lindenberg Gedächtnis Look - als sich eine Frau findet, die seiner verstorbenen Geliebten bis aufs Haar gleicht.
Diese ist nun... zwar angetan von der Aufmerksamkeit dieses ihr vollkommen fremden Mannes, aber eben auch reichlich verwirrt.
Tja, und ob Dracula dieses Mal seinen Frieden findet...

Man will ja auch nicht auf Anhieb alles verraten.

Und was erwartet einen neben der Handlung noch alles?
Fangen wir mal mit der etwas schwer umschreibbaren Musik an. Von kirchlich inspirierten Chorälen, über Rock bis hin zu tatsächlich etwas populär angehauchten Liebesliedern ist echt alles dabei. Da einen recht großen Teil der Zeit geliebt und gelitten wird überwiegt der Herz-Schmerz Teil ein wenig. Was aber nicht täuschen sollte. Immerhin begegnen wir neben einem verärgertem Dracula auch einer neuzeitlichen Rockerbande.
Die Musik hat definitiv das Zeug zum Ohrwurm. (Schade nur, dass es mir bisher nicht gelungen ist die CD irgendwo aufzutreiben.)

Worüber man nun ein wenig geteilter Meinung sein kann ist die Ausstattung des Stückes.
Jeder freie Cent ist nachweislich in Kostüme investiert worden. Man sieht es den Kleidern und Mänteln förmlich an. Zumal es ja auch nie mit nur einem Kostüm pro Person getan ist.
Mir würde nie im Leben einfallen das zu kritisieren. Immerhin springt einem an jeder Ecke entgegen was Matthias Brenner mit optischem Bombast gemeint hat.
Das einzige wofür dann definitiv kein Geld mehr da war, war ein abwechslungsreiches Bühnenbild. Gut, das Garten, Ballsaal und Gruft fast gleich aussehen und sich im Grunde nur durch die auftretenden Personen unterscheiden... irgendwo sind eben einfach die Grenzen des Machbaren. Und mit vier Säulen und zwei Showtreppen lassen sich immerhin Fledermausflügel imitieren. Ich bin trotzdem ein klitze, klitze kleines bissel enttäuscht, einfach weil die Bühnen Halle sonst immer sehr gut darin sind, mit ein oder zwei Kleinigkeiten merkliche Unterschiede im Bühnenbild zu produzieren. Aber bitte, ich will nicht mäkeln.

Warum nicht?

Weil es einfach zu viel Spaß macht.
Da die Bühne mit nur zwei Mensch... naja, mit zwei Figuren mitunter ein wenig leer wäre, wurde noch ein Ballett mit eingebaut. Neben Engeln und Teufeln oder anderen Gestalten kann man also während der Lieder zusehen wie Dracula, Adriana und Louraine als Double einander umschwärmen.
Die Kostüme sind tatsächlich über jeden Zweifel erhaben.
Und dem Rest merkt man die Freude einfach an.
Da wäre natürlich Gerd Vogel als Graf Dracula. Mit überbordendem Ego und einem etwas verdrehten Humor, trotz aller Gewalt immer noch ein Sympathieträger. Zumal ich Herrn Vogels Stimme ehrlich mag.
Björn Christian Kuhn als Hofnarr, latent sadistischer Handlanger und pragmatischer Arzt, mal mit Moralkeule, mal mit Zynismus, aber immer mit dem Lächeln desjenigen, der sich hinter dem Rücken seines Herren hervorragend zu unterhalten versteht.
Und Christopher O'Conner dem die etwas undankbare Aufgabe zugefallen ist, als überbesorgter Bruder ein paar veraltete Moralvorstellungen hoch zu halten, dem es dafür aber verhältnismäßig wenig auszumachen scheint, von drei Frauen gleichzeitig angeknabbert zu werden.
Apropo Frauen. Absolut goldig sind die drei "Nymphen", gespielt von Katharina Eirich, Katharina Schutza und abwechselnd entweder von Tabea Scholz oder von Constanze Eschrig. Dieser "Frauenverein der Geliebten von Dracula" hat einen sehr eigenen Humor entwickelt, um mit den Marotten des Grafen umzugehen. Ein paar hundert Jahre verschieben eben so manche Perspektive.
Wie schon gesagt sind die beiden weiblichen Hauptrollen ebenfalls sehr sehenswert.
Nadine Eisenhardt mal als unschuldiger Engel und liebende Frau, mal als handfeste Rockerbraut, die ihre Argumente gut ins Licht zu rücken weiß. (Und die hervorragend klingt, seit noch mal wer das Mirkoport zurecht gerückt hat)
Und Kerstin Ibald als Lorraine. Von verwirrt verliebt bis resignierend ist so ziemlich alles dabei. Und auch hier: wirklich hörenswerte Stimme.

Was bisher noch gar nicht zur Sprache kam:
Wir haben es mal wieder mit einer ganz, ganz leichten Form von Schleichwerbung zu tun. Die Sensu-Crew gibt es nämlich auch außerhalb des Theaters. Würde ich mir bei Gelegenheit tatsächlich mal ansehen. Und für alle, denen sich er Zusammenhang nicht so zu 100% erschließt: Der letzte Teil von Dracula spielt etwas näher an unserer Zeit, Casino, Motoradgangs inklusive. 3 Motorräder und der ganze Raum hat geruchstechisch was davon. Aber nett.
Und falls sich wer die genannte Internetadresse gemerkt hat: es ging um Alkohol. Scheinbar für den Gag eingebaut, sonst wäre das im Cafe oder Foyer mal aufgefallen.

So, was fehlt sonst noch?
Ein Blick in die MZ und die verwunderte Feststellung, dass wir uns wenigstens in einem Punkt einig sind: an der Soundabmischung sollte wirklich noch geschraubt werden.
Ansonsten möchte ich an der Stelle darauf hinweisen, dass wir Hallenser einfach von Haus aus ein wenig unterkühlt sind. Das Publikum war für hallesche Verhältnisse durchaus in Ordnung. Zumal man die Standing Ovations nicht unterschlagen sollte. (Die waren nicht ganz freiwillig, aber wenn in der ersten Reihe die Leute aufstehen und man immer noch was sehen will... ) Da haben am Ende noch Einige mitgezogen.

Als fluffig leichtes Musical, dass sich weniger mit Bram Stoker und mehr mit Vlad Tepes auseinander setzt auf jeden Fall sehenswert. Und lustig wird es meistens dann, wenn die Übersetzung mal wieder ein wenig gegen den offensichtlichsten Reim gebürstet wurde. Durchaus hörenswert und einiges zum grinsen dabei. Auch dank einer Reihe absurder Einfälle am Rande.

Und ich werde zusehen, dass ich in den nächsten Tagen endlich mal die Posts über diverse Vampirbücher zusammen stelle.

Montag, 23. Mai 2011

Ein Sommernachtstraum

Bevor ich mich dann wieder mit 'unendlich viel Elan' an die Arbeit und in die Uni stürze, hier noch etwas erfreulicheres: gestern war die Premiere des Sommernachtstraumes im Hof der Moritzburg.

Ich musste arbeiten, ich habe vorher schon geahnt dass es mal wieder länger dauert, und so kam ich, wie ebenfalls vorhergeahnt, etwas später.

Plus Punkt Nummer 1: das Wetter hat gehalten. Das heißt es fand überhaupt statt, es hat wenn überhaupt immer nur zwei oder drei Tropfen geregnet und sofort wieder aufgehört. Und das trotz Unwetterwarnung. Außerdem war es angenehm draußen, auch ohne extra Decken und dergleichen mehr.
Außerdem gab es ein oder zwei spontane Spitzen für, gegen und mit dem Wetter.

Plus Punkt Nummer 2: es ist Shakespeare. Die Handlung für Eilige:
Oberon und Titania streiten sich um einen Menschenjungen. Vier Jugendliche - mehr oder weniger erfüllt untereinander verknallt - fliehen durch den Wald um Zwangsheiraten, Nonnenkloster und anderen Greultaten zu entfliehen. Mit viel Magie werden die Gefühle aller beteiligten ordentlich durcheinander gewirbelt. Keine Tote, drei Hochzeiten, eine geschlichtete "Ehe" und ein erfolgreiches Stück im Stück.

Und dann handelt es sich hier um eine von Shakespeares Komödien. Der Mann wird nicht grundlos immer noch gespielt. Das Stück ist so was wie die Urmutter aller Verwechslungskomödien. Ich persönlich halte zwar Viel Lärm um Nichts für die beste seiner Komödien, aber das soll den Sommernachtstraum gar nicht schmälern. Das Stück ist Hammer. Wer es noch nicht kennt: unbedingt mal lesen oder noch besser: hier sehen.

Dann handelt es sich hier um eine Kooperation zwischen Neuem Theater, Puppentheater und dem Theater Junge Generation Dresden.

Gespielt wird, wie so oft, auf einer Multifunktionsbühne: eine Art halb-rund-Bau mit drehbaren Lamellen, durch die die Darsteller auf und ab gehen.

Und falls es irgendwen interessiert: mein persönlicher Humor wurde von Lars Frank hervorragend getroffen.

Alles in allem vielleicht ein klein wenig Orgienlastig. So bald Puck mit seinen Zaubereien anfängt hängt irgendwie jeder an und auf jedem, aber gut, wir sind ja alle erwachsen.

Zusammenfassend muss ich sagen: das Stück werde ich mir auf jeden Fall noch mal ansehen. Einfach genial. Das sollte man wahrscheinlich wirklich am Stück genießen... und das Wetter und die über den Kies knierschenden Zuspätkommer ignorieren... *ups*

Momentan liebäugle ich mit Freitag oder Sonntag, mal schauen... auch wenn ich glaube ich Sonntag zu nichts zu gebrauchen sein werde. Dazu gleich mehr.

Vorerst aber noch mal kurz als Zusammenfassung:
Unbedingt sehenswert. Guter Stoff, gute Inszenierung: hingehen und selbst sehen.
Ist vielleicht heute keine verbal fundierte Erklärung warum es genial ist, aber von mir auch so eine eindeutige Empfehlung. Und ich sollte hier eigentlich langsam los...

Das einzige was ein wenig gefehlt hat, war das originale Schauspiel das Peter Squenz am Ende aufführen läßt.  Die sind im Original ungefähr genauso verplant wie in der Aufführung... nur noch ein wenig anders... oder so...

Gräfin Mariza

Ich habe diese Rezension jetzt drei Mal angefangen. Nach dem zweiten Mal erwachte das schlechte Gewissen und ich habe mal bei der MZ geillert. Ich wollte das nicht, ehrlich, es kam einfach so über mich.

Seit dem glaube ich wieder an die Existenz von Parallel Universen... nur dass den Pausengesprächen nach zu urteilen sämtliche andere Anwesende sich im gleichen Raum-Zeit-Kontinuum aufhielten wie die MZ Redakteure, nur ich mal wieder nicht...

Ein Rest Anstand und Gutes Benehmen hinder mich daran, die zusammen geschriebene dritte Version zu veröffentlichen, weil ich mich langsam echt in Rage schreibe.

Sollte außer mir irgend jemand in diesem Stück gesessen haben - wohl gemerkt mit dem guten Vorsatz und eigentlich auch mit der inneren Sicherheit, diesen Abend genießen zu können - und ähnlich gelitten haben wie ich: er oder sie - meinetwegen auch Es, ich bin da im Moment echt nicht wählerisch - möge sich bitte melden. Ich habe die Rezension noch als Vorlage gespeichert und verschicke die bei Bedarf gerne weiter.

(K? Du hast drei Reihen vor mir gesessen. Komm schon, es kann nicht sein, dass sich da niemand sonst durchgequält hat...)

Aber das ist eigentlich einfach unglaublich...
Und es hat mich ja auch nur bis kurz nach eins wach gehalten. Ich geh jetzt pennen. Das ist es unterm Strich einfach nicht wert...



(Ach ja, und da Herr Köhler so stolz auf den Einfall war und ich es einfach nicht kenne: irgendwelche Vorschläge wie der Tanz von Herrn Kuhn und Frau Berndt heißt? Ich bin mir ziemlich sicher dass ich gerade die 3er Version aus dem Ballhaus kenne - da hört es dann aber auch schon auf.)

Sonntag, 24. April 2011

Bernarda Albas Haus / Die Vier Jahreszeiten

So, der Kaffee steht bereit. Dann wollen wir mal.

Erst Mal muss ich sagen: es frühlingt. Ich saß gestern mit einem improvisierten Abendbrot auf dem Uniplatz, habe etwas gelesen und nebenbei dieses ominöse Ding Namens Sonne genossen. Das war richtig angenehm. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Sehr schön.

Und entsprechend vorentspannt bin ich dann auch rechtzeitig in die Oper herüber gestiefelt und habe mich einfach mal überraschen lassen. Bei der Einführungssoirée war ich ja, was das mitdenken etwas vereinfachte. Ich wußte ja grob was auch mich zukommt.
Noch ein Blick auf das Bühnebild, viele weiße Flächen bilden eine solide Wand, nur selten geöffnet um einen Durchgang nach draußen zu schaffen... und dann war ich geistig auch erst mal eine Dreiviertelstunde weg. Ich erinnere mich noch wage an den Gedanken "Hilfe, und das geht jetzt 50 Minuten so?". Und dann war es auch schon um. Einfach so.
Barnada Albas Haus selbst basiert ja auf einem Buch von Federico Garcia Lorca. Und ich habe den nicht ganz so leisen Verdacht, dass es helfen könnte das Reclam Büchlein dazu davor oder danach zu lesen.
Die Grundidee ist, das Bernada Alba gerade zum zweiten Mal Witwe geworden ist und um ihren Kindern das Leid in der Welt und vor allem in ihrem Dorf zu ersparen, verordnet sie eine Trauerzeit von acht Jahren, in denen niemand das Haus verlassen darf. Das wird nicht direkt gesagt, steht aber im Programmheft. Und wenn das tatsächlich gut gehen würde, hätten wir hier kein Ballett. Nur um schon mal das Offensichtliche zu sagen.
Während die Älteste bereits versprochen ist und weiß, dass sie früher oder später aus diesem Gefängnis heraus kommt, beobachten ihre vier Schwestern das Treiben teil neugierig, teils neidisch. Und es ist die Jüngste, die schließlich ein Kind vom Verlobten ihrer Schwester erwartet.
Mal abgesehen von den etwas wirren Familienbeziehungen, müsste man so weit im Grunde mitkommen.
Schwieriger wird es dann bei den etwas metaphorischeren Stellen.
Die Mutter pendelt zwischen liebend und tyrannisch. Die Älteste zwischen glückseliger Freiheitserwartung und einer fast perfekten Kopie ihrer Mutter. Die Jüngste entwickelt ein bemerkenswertes Selbstbewußtsein aus ihrer Tat. Und der Rest versucht einfach nicht unter die Räder zu kommen. Warum sich die Frauen dabei unter anderem die Hände, Herzen, Münder, Hälser, Rückräder oder auch den Schoß symbolisch mit Nadeln durchboren.... darüber soll um die Uhrzeit bitte jemand anderes nachdenken.
Fakt ist aber: mit einem Tisch, den Wänden, einer ansonsten kahlen Bühne und den wirklich hervorragenden Kostümen ist ein brilliantes Stück gelungen. Gerade von dem Kostümen war ich begeistert. Der Stoff tat zwar nicht immer das was er sollte, aber die einfachen Kleider erlauben vom züchtig verhüllten Knöchel bis zum freizügigen Bein alles und wurde auch genutzt um die kleinen Freiheiten zu symbolisieren, die sich die Töchter nehmen, wenn ihre Mutter mal gerade nicht neben ihnen steht. Und gerade dieses Hin und Her zwischen Freude und Angst mach den Reiz aus.
Dramaturgisch sehr, sehr schön. Inhaltlich haben auch Andere etwas gerätselt. Aber trotzdem in sich sehr verständlich und wirklich empfehlenswert.
Die Musik, zumindest in den Momenten in denen ich wirklich zugehört habe und nicht nur gebannt nach vorne schaute, war auch sehr schön.
Das war definitiv besser als ich es erwartet hatte.
Und hätte sich irgendjemand in meiner Umgebung getraut begeistert aufzustehen, ich hätte mich daneben gestellt. Für einen Hallenser schon fast die oberste Grenze der Begeisterungsfähigkeit. Mal abgesehen von dem ewig langen Applaus.

Und diese Begeisterung ist um so wichtiger, da ich persönlich von den Vier Jahreszeiten ein wenig enttäuscht war.
Ich will das kurz erklären: sie waren sehr schön, sehr sehenswert, sehr persönlich, aber schade um die schöne Musik.
Ralf Rossa hatte ja schon in der Soirée gesagt, dass er mit den Vier Jahreszeiten eine Tänzerkarriere nachbilden möchte. Angefangen von den ersten Schritten bis hin zum absehbaren Ende aufgrund körperlicher Verschleißerscheinungen.
Wer weiter hinten saß hat wahrscheinlich nicht ganz so mitbekommen, dass das Bild teilweise ein wenig grisselig war und vor allem besser gehört. Bild? Yep, es gibt Videoausschnitte. Zum einen persönliche Meinungen der Tänzer über ihre Karriere und zum anderen ungewohnte Perspektiven auf die Tanzenden.
Gerade Letzteres hat mich jedes Mal wieder heraus geworfen. Was im Hintergrund eingespielt wird, sind Aufzeichnungen dessen was man gerade sieht und eben keine Live Aufnahmen. Aber selbst als ich das begriffen hatte, hat ein Teil von mir immer noch das auf der Bühne mit den Wiedergaben im Hintergrund verglichen, um sicher zu gehen. Ich bin teilweise einfach nicht dazu gekommen, mich wirklich auf die Tänzer zu konzentrieren. Und so nett der Perspektivenwechsel war: man geht ja nichts in Ballett um die Wand anzustarren.
Und wie gesagt, ich traure immer noch ein wenig der Musik hinterher. Die Vier Jahreszeiten in einer Aufnahme von Nigel Kennedy. Ich hätte sie sehr gerne am Stück gehört, werde das wohl aber auf nächste Woche verschieben müssen, wenn ich mir die CD holen kann.
Das wäre ja auch in sich zu verschmerzen. Gerade die persönlichen Meinungen zwischendrin haben ja schon einen gewissen menschlichen Reiz. Auch wenn ich persönlich nichts gehört habe, dass ich nie erwartet hätte. Leider haben sie aber auch die gesamte Struktur irgendwie zerschossen. Irgendwann hat man versucht nach jeder Einheit zu klatschen, wurde dann aber sofort von der Musik wieder abgewürgt. Ich habe es zwischendrin irgendwann ganz aufgegeben zu klatschen und einfach zum Schluss applaudiert.

Das klingt jetzt mal wieder weit kritischer als es war. Man kann es gesehen haben. Die Vier Jahreszeiten verkommen fast zur Staffage, Hildegard Knef sang zwischendrin immer wieder mal mit und wenn man sich zurück lehnt und doch mal das große Ganze betrachtet sieht es auch wirklich gut aus. Und es ist einfach eine Liebeserklärung an den Tänzerberuf. Es war nur eben nicht das, was ich mir erhofft hatte.

Kurzfassung für Eilige:
Bernada Alba: Top. Sehr ergreifend und komplex. Teilweise etwas kryptisch. Aber sehenswert.
Die Vier Jahreszeiten: Hildegard Knef macht mit. Leinwandbeiträge hätten besser sein können. Eine Liebeserklärung ans Ballett. Sehenswert, aber nicht dass, was ich erhofft habe.


Und das was mir jetzt noch auf der Zunge liegt liefere ich nachher in einem Extra Beitrag nach.

Montag, 4. April 2011

Lucrecia Borgia

Gestern fiel eindeutig in die Kategorie: "Es ist hervorragend, aber warum flippen hier Alle so aus?"

Kurz zum Inhalt:
Lucrecia Borgia entstammt einem sehr alten, machtvollen, aber wenig beliebten Geschlecht. Man unterstellt ihr Mord, Giftmord, Blutschande und noch ein paar Dinge mehr. Und ihr ist es gelungen ihren verlorenen Sohn aus einer früheren Beziehung wieder zu finden. (Wenn ich den Übertiteln richtig gefolgt bin, ist ihr Sohn gleichzeitig ihr Bruder. Aber ich denke, wenn das stimmen würde hätte es jemand in der Einführungsveranstaltung mal unterstrichen. Aber zumindest ist der Ruf der Borgia so, dass man das nicht direkt ausschließen sollte, selbst wenn ich mir irre.) Der Gute hat sich durch allerlei Heldentaten einen guten Ruf erarbeitet. Und er fühlt sich spontan zu der Borgia hingezogen. Ungefähr bis zu dem Moment, in dem ihm seine Freunde eröffnen, welche Freunde und Verwandte diese schon wegen der Borgia verloren haben.
Genarro, so heißt der junge Mann, reagiert etwas ungehalten. Auf der einen Seite hat er der Borgia von seiner Mutter erzählt, die er bewusst nie kennen gelernt hat und über die er bisher noch nie mit einem Menschen gesprochen hat.. Und sie hat ihm Mut zugesprochen. Aber auf der anderen Seite kann er das schwerlich für bare Münze nehmen, nach dem was seine Freunde ihm offenbart haben.
Um zu beweisen wie sehr er die Borgia verabscheut schände er ihren Namen. Er entfernt den ersten Buchstaben, so dass an ihrem Stadthaus nur noch 'orgia' steht. Gleichzeitig hat er aber auch kein Problem damit seine Tat zu gestehen und sich verhaften zu lassen.
Die Borgia selbst, von diesem Witz verständlicherweise wenig erbaut, fordert den Tod des Übeltäters und muss zu spät erkennen, dass sie damit beinahe ihren eigenen Sohn umbringt. Ihr Mann ist der festen Überzeugung Genarro wäre ihr Geliebter und so lässt er ihr nur die Wahl zwischen Erstechen oder Vergiften. Sie wählt Gift und schafft es tatsächlich Genarro auch noch das Gegengift zu verabreichen.
Nun ist er reichlich verwirrt was er davon halten soll, aber im Grunde auch vorgewarnt so schnell wie irgend möglich zu verschwinden. Ob das geglückt wäre werden wir nie erfahren. Er lässt sich nämlich von einem Freund breitschlagen noch ein letztes Fest zu besuchen, bevor es in den Morgenstunden fort gehen soll. Der vom Ehemann angeheuerte Schlägertrupp verschwindet also und lässt die Freunde in den sicheren Tod laufen.
Genarros Bauchgefühl warnt ihn, doch es ist zu spät. Die Borgia hat Rache geübt indem sie sämtliche Freunde Genarros - und aus Versehen auch ihn - vergiftet hat. Erst jetzt eröffnet sie ihm wer er wirklich ist. Aber da das Gegengift nur für ihn und nicht für seine Freunde reichen würde, weigert er sich dieses zu nehmen. Er stirbt praktisch in den Armen der Borgia.
Und erst jetzt, da es praktisch keine Konsequenzen mehr hat, erfährt der Ehemann der Borgia, wer da gestorben ist.
Der Traum der Borgia, sich über die Liebes eines Menschen retten zu können, bzw. von einem Menschen so sehr geliebt zu werden, dass sie darin ihren Frieden findet, ist damit gescheitert.

So, das war doch mal recht ausführlich. Und ja, es gibt ein oder zwei Parallelen zu Romeo und Julia. Seien wir ehrlich, aus heutiger Sicht hätte es allen Anwesenden gut getan, einfach mal miteinander zu reden. Auf der anderen Seite wäre uns dann eine sehr schöne Oper entgangen. Und das entschädigt dann doch für die eine oder andere menschliche Unzulänglichkeit.

Und bevor wir uns um die Solisten kümmern kommen wir noch kurz zur Arbeit von Frau Saskia Zschoch. Bühnenbild, Kostüme und Inszenierung gehen auf ihre Kappe. Und ich bin ehrlich, ich habe das in der Einführungsmatinee höflich zur Kenntnis genommen. Die ausgestellten Kostüme sahen jetzt nicht so umwerfend aus, vor allem so lange noch keiner drin steckte. Von Modeskizzen habe ich zu wenig Ahnung um einschätzen zu können was da an der Wand hing. Und das Modell der Bühne sah zwar interessant aus, legte es aber auch irgendwie nahe, dass auf einer praktisch leeren Bühne gespielt wird, was nun wirklich nicht immer gut gehen muss.
ABER (bewusst groß geschrieben) das hat erfreulicherweise funktioniert. Die Kleider sahen einmal angezogen hervorragend aus. Vor allem Romelia Lichtenstein hatte wirklich sehr schöne Stücke abbekommen. Insgesamt drei, falls ich das noch richtig im Kopf habe.
Die Bühne war tatsächlich fast leer, auch wenn es schwer fällt das mit ausreichend Nachdruck zu sagen, wenn immerhin die ganze Fläche von einer riesigen Schräge eingenommen wird. Aber ein oder zwei Details, wie ein paar schunkelnde Boote, Licht oder auch nur ein Schriftzug im Hintergrund helfen wirklich, jeder Szene einen eigenen Ort zu geben.
Die Kleidung ist auch in sich sehr konsistent. Nach dem bunten Fasching tragen die Männer fast durchgängig schwarz und die weiblichen Nebenrollen fast durchgängig weiß. Ein oder zwei sahen vor lauter Puder aus wie auf untot geschminkt. Aber alles in allem wirklich schön.
Mir persönlich hat nun der GSG 9 Aufzug des Schlägertruppes wenig gefallen, vor allem weil es die ansonsten sehr zeitlose Gestaltung im Hier und Jetzt verankert hat, aber bitte: ich finde ja eh fast immernoch was zu mäkeln. Es funktioniert. Ich habe einfach nur einen Moment gedacht: irgendwie passt das gerade nicht so ganz.


So, und damit wir hier heute auch noch ein Ende finden, sollten wir langsam mal zu den Darstellern kommen:
Romelia Lichtenstein war umwerfend. Ich habe nach Macbeth höflich zur Kenntnis genommen, dass sämtliche Musikwissenschaftler die ich kenne so etwas wie den inoffiziellen Romelia Lichtenstein Fanclub bilden. Ich bin vor lauter frieren kaum dazu gekommen das Stück zu genießen, aber alle die ich kenne hatten danach ein und den selben Satz im Mund: "Die Frau singt so geil!!!". Gut, teilweise in anderer Formulierung, aber nach dem vierten oder fünften Mal beginnt man zu merken, dass da irgendwas an einem vorbei gegangen ist. Dieses mal (in einem gepolsterten Sessel, mit annehmbaren Raumtemperaturen, in einem vollkommen anderen Stück) muss auch ich sagen: die Frau kann singen! Wenn man Ahnung hat nennt man so was einen lyrischen Koloratur Sopran (glaub ich). Ich bin mittlerweile so weit zu verstehen was das heißt, aber beim besten Willen noch nicht so weit, dass im aktiven Wortschatz mit zu verwenden. Oder von selbst zu erkennen. Ich habe das einfach nur in den ganzen Elogen aufgeschnappt, die in den letzten Tagen kursierten.
Zwischen butterweich und verletzlich bis schmetternd laut und verärgert ist wirklich alles dabei. Und ich bin immer noch begeistert, dass sie am Ende wirklich wie eine gebrochene Frau wirkte. Das hat ja in dem Sinne nichts mehr mit der Stimme zu tun, muss man über Körpersprache aber auch erst mal kommunizieren können.

Genarro wurde von Carlos Cortés gespielt. Wenn ich das aus der Einführung noch richtig im Kopf habe, ist er ein Mexikaner den es privat nach Wien verschlagen hat und der hier mit zum ersten Mal auf einer deutschen Bühne stand. Gesanglich ebenfalls top und mit einer gewissen stoischen Ruhe, die der Rolle sehr gut getan hat.

Ki-Hyun Park als eifersüchtiger Ehemann war ebenfalls sehr sehenswert. Und hinreichend selbstgefällig.

Genarros besten Freund Mafio Orsini spielte Ulrike Schneider. Ich weiß nicht ob ich mich in diesem Leben noch daran gewöhnen werde, dass offensichtliche Männerrollen eben so offensichtlich von Frauen gespielt werden. Aber eines muß man ganz klar sagen: Jeppo Livoretto gespielt von Christopher O'Connor, Don Apostolo Gazell gespielt von Christoph Stegemann, Ascanio Petrucci gespielt von Ásgeir Páll Ágústsson, Oloferno Vitellozo gespielt von Beyonghoon Chang und eben Ulrike Schneider als Mafio Orsini waren Kleidertechnisch alle samt sehr dezent in schwarz gekleidet, also auch optisch entsprechend der eher kleineren Rollen ein wenig zurück gesetzt und gleichzeitig stach Ulrike Schneider, praktisch als wichtigste Bezugsperson Genarros, wie von selbst heraus. Auf eine recht eigene Weise ist auch das brilliant gelöst.

In kleineren Auftritten bieten sich uns ebenfalls:
Gerd Vogel als Gubetta, eine Art gutmütiger, aber weitestgehend meinungsloser Vertrauter der Borgia, der Genarro für sie im Blick behalten soll und am Ende hilft alle zu vergiften.
Ralph Ertel als Rustighello gibt den schmierigen Vertrrauten des Herzogs und vergisst dabei nicht einmal seinen kleinen Finger abzuspreitzen.
Und Jürgen Trekel als Astolfo versucht sich als Überbringer einer Botschaft der Borgia, nimmt jedoch vor der überstarken Präsenz an Bewaffneten reißaus.

So, damit müssten wir nun langsam wirklich alles beisammen haben.
An der Stelle noch ein Lob an die Technik. In der ersten Hälfte des Stückes war die Tafel zum Mitlesen rechts etwas zu hell erleuchtet, was sich in der zweiten Hälfte des Stückes änderte. Das hat das Lesen wesentlich leichter gemacht. Und jemand hat mitgedacht.

Das Einzige was an dieser Stelle noch fehlt ist die Erklärung von dem Satz ganz oben.
Es war wirklich gut. Mir hat es gefallen. Mir hätte es wahrscheinlich noch besser gefallen, wenn nicht bei allen ruhigen Stellen jemand angefangen hätte mit seiner Handtasche zu knarzen.
Und sobald zwischen zwei Noten mal mehr als eine Sekunde Pause herrschte brüllte irgendwer ganz vorne Bravo. Und der Schlussapplaus dauerte im wahrsten Sinne des Wortes ewig.
Ich bin prinzipiell begeisterungsfähig, aber das hat ich dann doch ein wenig verwirrt. Die Bravo Rufe ließen in der zweiten Hälfte zum Glück nach. Wahrscheinlich weil die Handlung langsam dramatisch wurde und sich jemand beschwert hat, er möchte nicht aller paar Minuten aus seiner musikalischen Versenkung gebrüllt werden. Schätzt ich jetzt einfach mal so. Ein paar der artikulierten Beschweren auf dem Weg in die Pause legen das nahe.
Dazu kommt ja auch: ich bin Hallenser. Wir sind begeisterungsfähig, zeigen das aber ganz selten so offensichtlich. Wenn dann ein ganzer Saal dermaßen jubelt, kann man sich nur fragen, was man jetzt schon wieder verpasst hat. Vielleicht treffen da auch einfach Mentalitäten zusammen. Aber ich stehe vor solchen Gefühlsausbrüchen immer ein wenig ratlos. Was hören die, das mir entgeht?
Aber hey, sehen kann man es noch ein paar Mal. Und wer wissen möchte, wo zwischen meiner offenen Verwirrung und dem frenetischen Applaus die Wahrheit liegt, der geht am besten selbst hin.
Wer sich für Opern begeistern kann, wird es auf jeden Fall nicht bereuen. Und wer damit nichts anfangen kann, der hat eh nicht bis hier unten gelesen. Dafür ist es dieses Mal doch zu lang geworden.

Sonntag, 27. März 2011

Der Boss vom Ganzen

Faire Warnung: diese Rezension hat einen inoffiziellen Alternativtitel. Dieser lautet: "Warum ich Lars von Trier nicht lustig finde". Nur damit schon mal grundlegend angedeutet ist aus welcher Perspektive ich hier schreibe. Es war nicht ganz so schlimm wie das jetzt vielleicht klingt, aber dank dieser Ansage kann ich mich jetzt selbst von dem Anspruch entbinden meine persönliche Meinung in übermäßig diplomatische Worte zu packen.

Aber fangen wir einfach mal an: worum ging es denn gestern überhaupt?


Ravn (als Raun ausgesprochen) hat ein kleines Problem mit Konflikten. Und daher hat er seit Jahren alle unangenehmen Entscheidungen einem anderen in den Mund gelegt: dem Boss vom Ganzen. Das ging bisher auch recht gut. Aber nun will Ravn die Firma verkaufen. Und dazu muss der Boss persönlich unterschreiben. Ein etwas unterbeschäftigter Schauspieler, mit einer Vorliebe für einen fiktiven absurden Dramatiker namens Antonio Stavros Gambini, wird dafür engagiert. Kristoffer bemüht sich redlich die Rolle mit Leben zu füllen. Und erhält eine unerwartete Vertragsverlängerung, als der Isländern, an den die Firma verkauft werden soll, darauf besteht die Verhandlungen nur mit dem Boss und auf gar keinen Fall mit seinem 'Handlanger' Ravn durchzuführen.
Und weil die Gelegenheit günstig ist, lernt auch der Rest der Firma mal den Boss kennen.
Kristoffers eigentliches Problem ist dabei nicht, dass die vier am längsten Angestellten - Heidi A., Lise, Gorm und Nalle - einige nachvollziehbare Antipathien gegen ihn hegen, sondern vielmehr dass er mit einem ständigen Informationsdefizit arbeiten muss. Jeder hat ein anderes Bild vom Boss. Und so muss nicht nur ein Nachname aus dem Stegreif improvisiert werden, sondern auch die eine oder andere Konversation, bei der er teilweise erst zum Schluss versteht, auf was er sich da überhaupt eingelassen hat.
Und dazu kommen über kurz oder lang auch moralische Skrupel, da Ravns Plan vorsieht, die Firma zu verschachern, ohne seinen Freuden dafür einen einzigen Cent zu überlassen.
Und nun stellt sich natürlich die Frage, ob man all das nicht vielleicht doch noch irgendwie umgehen kann.

Das klingt doch in sich erst mal sehr vielversprechend. Wo soll hier also ein Problem sein?

Das Ganze fängt damit an, dass es sich hier eigentlich um die Adaption eine Filmes handelt. Den habe ich nicht gesehen, den will ich ehrlich gesagt auch nicht sehen. Der Punkt ist einfach nur, dass wahrscheinlich allein deswegen Zitate versteckt sind, die mir schon mal komplett verloren gegangen sind.
Dann habe ich nur eine äußerst überschaubare Ahnung von Lars von Trier, hatte aber mal das zweifelhafte Glück mich mit Dogma 95 auseinander setzen zu müssen, was ihn mir nicht unbedingt sympathischer gemacht hat. Das hat hiermit wahrscheinlich nur am Rande zu tun, erlaubt mir aber halbwegs einzuordnen wie der Film wahrscheinlich war. Und welche Maßstäbe man im großen und ganzen an das Stück anlegen kann, wenn man nur will. Und wenn es dann im Stück selbst heißt, das Leben sei wie ein Dogma Film... Naja.
Aber irgendwie stellt sich grundlegend die Frage, ob man Filmkonventionen auf der Bühne überhaupt verletzen kann, also lassen wir das Thema an der Stelle.

Wirklich schlimm wird das ganze eh erst, wenn wir auf meine kaum vorhandenen Geschichtskentnnisse zu sprechen kommen. Die meisten Personen in diesem Stück sind Dänen, deren Firma von einem Isländer aufgekauft werden soll. (Habe ich mir nicht gemerkt, das schreibe ich gerade von Wikipedia ab.)  Und die müssen untereinander sehr starke kulturelle Konflikte haben.
Ich meine, das ganze wurde hervorragend gelöst. Jörg Lichtenstein spricht, so weit ich das überblicken kann, seine gesamte Rolle in Isländisch. Eine hervorragende Leistung. Und neben ihm sitzt, vom Gebaren her recht stilecht, Hannelore Schubert als Übersetzerin. Dabei kommen immer wieder Spitzen gegen die Dänische Mentalität. Da waren ein paar verbale Entgleisungen dabei, die wirklich hervorragend waren, jetzt mal rein von der Formulierung her. Aber mir fehlt jede Form des kulturellen Verständnisses, wie ich das einordnen soll.

Und was es auch nicht einfacher macht, ist die Tatsache, dass es sich hier um eine IT Firma handelt. Ich weiß, dass Nerds mittlerweile salonfähige Sitcom Stars geworden sind. Und im Grunde sehen zumindest Heidi A., Gorm und Nalle wie die reinsten Klischeebilder aus.
Georg Stohbach ist als Nalle die mehr oder weniger undankbare Aufgabe zugefallen, sämtliches Verwaltungskauderwelsch herunter zu beten und die berechtigten, aber nicht unbedingt hilfreichen Definitionsfragen zu stellen. Ich war bei solch hirnrissigen Diskussionen schon dabei, die sich praktisch in jedem Moment selbst parodieren. Wer aber schon mindestens vier oder fünf Abende seines Lebens mit so was verschwendet hat, kann darüber nicht mehr lachen, ganz gleich wie absurd das auch sein mag.

Apropo absurd, bevor das hier wieder viel zu lang wird, was es ja im Grunde schon ist:
Absurd ist das einzige Wort, mit dem man dem Stück gerecht werden kann. Da wir den Großteil der Zeit Kristoffer folgen, der allen anderen unter dem Namen Svent vorgestellt wurde, wissen wir generell auch nicht mehr als er. Mit einem guten Gespür für Klischees kommt man hier prinzipiell weiter, aber auch wenn die Richtung stimmt steht man oft genug noch im Wald und sieht verständnislos einem Haufen Leuten dabei zu, wie sie aneinander vorbei reden.
Wer spontan das Gefühl hat 'Geil, genau mein Humor.' der soll hin gehen. Mein Humor ist es leider nicht.

Das heißt nicht dass das Stück schlecht ist. Wolf Gerlach als Ravn ist durchaus sehenswert, mal ohne den schrillen Unterton, der mich sonst immer so kirre macht, und teilweise mit einem Gesichtsausdruck der nahe legt, dass er einen Vertrag seine Großmutter zu verkaufen vielleicht nicht selbst unterschreiben würde, aber ihm würde sicherlich eine Lösung einfallen. Gleichzeitig noch als harmoniesüchtiger Knuddelbär zu gelten ist da durchaus eine Leistung.
Und Matthias Zeeb als langhaariger BWL Verschnitt mit raumgreifender Körpersprache und einem Haufen Theatertheorien ist genauso absurd wie der ganze Rest.
Petra Ehlert gibt die graue Maus mit orangenen Haarsträhnen.
Johanna Steinhauser gibt den Anwalt Kisser, oder wohl eher die Anwältin, mit einer tatsächlich sehr fragwürdigen Essensgewohnheit.
Und Sophie Lüpfer hat die Körpersprache einer Klischeeblondine und das Auftreten einer sehr... zielgerichteten Frau, um das mal so zu formulieren.

Wahrscheinlich gibt es sogar zig Arten dieses Stück zu interpretieren. Angefangen beim Kommentar zur aktuellen Wirtschaftslage, bis zu hin zu einer facettenreichen Anspielung auf Theatermechanismen.
Ich bin mir außerdem fast sicher, dass es die MZ über den grünen Klee loben wird. Also brauche ich mich an der Stelle auch nicht weiter zu verausgaben. Wer irgendwo weiter oben dachte 'Das ist genau mein Humor! Da gehe ich hin!' der wird hier seinen Spaß haben. Ein paar Lacher zünden auf jeden Fall. Und im Grunde hat es diese Faszination eines Autounfalls, bei dem man genau weiß was als Nächstes passiert, und man kann doch nicht weg schauen.
Aber ich für meinen Teil muss das auf jeden Fall nicht noch einmal sehen. Hervorragend gespielt und alles, aber einfach nicht mein Geschmack.
Den Leuten die gestern in der Werft des nT waren hat es aber alles in allem gefallen. Der Applaus war hinreichend heftig. Und da in die Werft ja doch eine recht überschaubare Menge an Menschen passen, denke ich auch mal, dass die Hallenser das Stück eine Weile auf dem Spielplan unserer Stadt halten werden. Egal welche Meinung ich persönlich hier vertrete.

Sonntag, 13. Februar 2011

Pension Schöller

Ich habe zwar das Gefühl mich heiser gelacht zu haben, aber bitte: gestern war Hammer!

Und da mir neulich wirklich mal wer unterstellt hat ich würde über journalistische Fähigkeiten verfügen, schauen wir mal wie weit wir hier vor dem Mittag noch kommen:

Also:
Die Pension Schöller ist ein Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs, welches 1890 in Berlin uraufgeführt wurde und das auch in Berlin spielt. Mit insgesamt 7 Verfilmungen zwischen 1930 und 1997 ist das Stück wahrscheinlich mal wieder bekannter als ich anfangs dachte. In einem Film von 1980 hat sogar der verstorbene Harald Junke mitgespielt.
Wie auch schon einmal gesagt sollte das eigentlich Reinhard Straubes Abschied vom festen Ensemble der Bühnen Halle einleiten. Nun bleibt er uns doch noch eine Weile erhalten (wie man mir an der Theaterkasse mitteilte) und das Stück wird trotzdem gegeben. Besser geht es doch eigentlich kaum - was sich im übrigen auch viele Hallenser gedacht haben. Trotz Konkurrenz durch Wetten das...? war gestern definitiv ausverkauft. Und wer zu spät kam, musste auf alternative Sitzplätze ausweichen. So was habe ich bisher nur im Puppentheater erlebt und das ist ja eine ganze Ecke kleiner.

Und was hat die nun Alle ins Theater gelockt? Die skurrilste Pension aller Zeiten: ein lebendes Krokodil samt Weltenbummler, eine Schriftstellerin, ein angehender Schauspieler mit Sprachfehler, heiratswütige Damen, ein duelierwütiger Major, überdrehte Verwandtschaft und jede Menge Missverständnisse.
Das Ganze verhält sich nämlich folgendermaßen:
Klapproth Senior, gespielt von Reinhard Straube, möchte nach seiner Pensionierung noch etwas erleben in der Welt und bittet seinen Neffen ihn mal auf eine Soiree einer Nervenheilanstalt mitzunehmen. Er habe nämlich gehört, dass es so was gebe. Und das würde er doch zu gerne einmal sehen.
Sein permanent verzweifelter Neffe Alfred, gespielt von Peter Weiß, stimmt nur aus einem einzigen Grund zu: sein Onkel hat ihm das Geld für die Eröffnung eines eigenen Künstlercafes in Aussicht gestellt. Aber dafür muss die Soiree her. Was also tun? Ganz einfach: die Pension Schöller als Nervenheilanstalt verkaufen. Genug skurrile Menschen laufen herum. Das wird dann schon irgendwie schief gehen... und zwar ganz gewaltig.

Ich habe mir heute morgen mal den eText dazu angesehen, der auf Wikipedia verlinkt ist. Und ohne das ganz gelesen zu haben, bin ich mir sehr sicher, dass ein paar grundlegende Streichungen und Aktualisierungen vorgenommen wurden. Geschadet hat es nicht. Nachdem das Publikum einmal warm wurde, brach sich ein Lacher nach dem anderen der Weg. Kein Wunder: geboten wird eine wunderbare Mischung aus Doppeldeutigkeiten ("Wärter, Wärter!" "Nicht Werther, Hamlet."), Absurdität (mein Favorit ganz klar Matthias Zeeb als weltreisender Professor Bernhardy), Situationskomik (der Gesichtsausdruck von Peter Weiß, aber auch von Herrn Straube ist mitunter unbezahlbar) und absolut überdrehter Selbstdarstellung.

Ich war übrigens mit N. im Theater und ihr Favorit war eindeutig Danne Hoffmann als Eugen. Eugen ist der Neffe von Schöller und hat sich in den Kopf gesetzt Schauspieler zu werden. Wenn da nur der Sprachfehler nicht wäre... welcher im übrigen so harmlosen Worten wie Necken eine vollkommen neue Dimension eröffnet.

Nun besteht das Stück natürlich nicht nur aus vier Personen.
Da wäre noch Ida, die Schwester von Klapproth Senior, gespielt von Petra Ehlert. Eine eher kleine, aber feine Rolle.
Schöller wird von Karl-Fred Müller gespielt. So viel zu tun hat er auch nicht, aber er umschreibt seine Pensionsgäste durchaus charmant.
Die wahrscheinlich kleinste Rolle hat Marie Bretschneider erwischt, die als Schöllers Tochter wie die Faust aufs Auge passt, aber gefühlt keine 10 Sätze sagt.

Fehlen noch drei:
Jörg Simonides als Zahlkellner. Kennt hier eigentlich wer den Witz von Mittermeier, in dem er zu einem österreichischen Ober meint "Eine Osram wäre nicht schlecht?". So ungefähr ist diese Rolle angelegt. Wobei, subjektiv wurden wir alle schon mal von solchen Menschen bedient. So lange es nicht uns, sondern anderen passiert, hat es ja durchaus seine Momente.
Joachim Unger gibt einen Major und zwar einen mit einem Haufen Neurosen. In die Zeit in der das Stück spielen soll passt es hinein. Immerhin werden hier sogar noch Telegramme verschickt!
Und, last but not least, Hannelore Schubert als Schriftstellerin. Den Running-Gag mit ihrer Herkunft fand ich jetzt nicht so zündend. Aber das Gespräch zwischen ihr und Patra Ehlert ist Slapstick Gold vom feinsten.

Und bevor es dann essen geht nur noch ein Wort zum Bühnenbild:
Einfach Spitze!
Die Darsteller werden zwar über die Treppe geflucht haben, aber wirklich schön gemacht. Und drehbar. Ich will nicht alles verraten, aber wirklich ansprechend gemacht.

Einziger Wermutstropfen: wie alle schönen Stücke gefühlt viel zu schnell vorbei. Gerade nach der Pause hatten wir das Gefühl wir hätten uns gerade erst hingesetzt und trotzdem ist es schon Zeit für den Schlussapplaus.
Aber genau so soll es ja im Grunde auch sein.

Na dann: vielleicht nicht so journalistisch wertvoll wie S. sich das vorgestellt hat, aber sei es drum: von mir beide Daumen nach oben und eine Blankoempfehlung. Das Stück war wirklich sehenswert.

Sonntag, 6. Februar 2011

Lulu

Die MZ wird es lieben, mit ziemlicher Sicherheit sogar. Alle die ich im Publikum gesehen habe und die irgendwie mit den Bühnen Halle oder den Darstellern zusammen hängen, haben sich fast wahnsinnig geklatscht und gejubelt. Es gab stehende Ovationen, lange Beifall. Jeder an dem ich vorbei gegangen bin schien es geliebt zu haben.

Es muss wirklich gut gewesen sein. Wedekinds Vorlage ist eh über jeden Zweifel erhaben.

Ich stehe sogar hinter diesem "Lulu als Projektionsfläche für jeden der sie geheiratet hat" Ansatz.

Und trotzdem saß ich da und konnte die Begeisterung einfach nicht nachvollziehen. Das hat auch, aber nicht nur, mit der Musik zu tun.

Kommen wir erst mal auf die gelungenen Sachen zu sprechen:
Mein persönlicher Geschmack hin oder her, so lange nicht mehrere Personen gleichzeitig singen (was selten der Fall ist) kommt das Stück eigentlich auch ohne Übertitel aus. Das ist bei der Vorlage durchaus eine Leistung, das begreife sogar ich als Laie.
Auch das Lulu für jeden Mann anders aussieht wurde auch sehr schön gelöst. Nicht nur über den Text, sondern auch darüber, dass die meisten Männer Lulu das gewählte Kostüm selbst anziehen, sie entsprechend behandeln und vor allem entsprechend nennen. (Ich amüsiere mich schon den ganzen Morgen darüber, dass man sie neben Eva auch Mignon genannt hat. Das hatte ich schon wieder ganz vergessen. Und für die Nicht-Germanisten: Goethe - Wilhelm Meisters Lehrjahre. Mignon ist ein anhängliches Naturkind, dass an einer Herzschwäche stirbt, als sie sieht, wie sich ihr Adoptivpapa Wilhelm Meister und eine andere Frau in Liebe küssen. Das ist doch mal ein Frauenbild, dass bei Dr. Schön durchaus tief blicken lässt.)
Und: wandelbares Bühnebild. Vom Atelier bis zum Nachclub kann man aus so einem Käfig alles machen, wenn man nur will.

Leider ist das Bühnebild aber auch eines der Gründe, warum ich einfach nicht in das Stück rein gekommen bin. Ich meine, die Übertitel waren auch eine Ablenkung. Aber das ist ein anderes Thema und wahrscheinlich Übungssache.
Was mich kontinuierlich aus dem Stück heraus geworfen hat, war dieser Käfig. Das Ding ist stabil, es erfüllt seinen Zweck, es ist multi-funktional, es ist eine geniale Idee. Aber eine mit Macken.
Das ist noch nicht mal so sehr die Tatsache, dass die Türen manchmal ein Eigenleben entwickeln und sich ein kleines Stück weit bewegen, obwohl sie das nicht sollen. Sondern die Tatsache, dass die Konstruktion wackelt wie ein Montagsprodukt. Wenn jemand das Bedürfnis hat diesen Käfig herauf zu krackseln, dann ist das ein dramatischer Moment, der nicht gewinnt wenn ich mich frage, ob ich gleich Zeuge werde wie diese Person runter fällt und sich sämtliche Gräten bricht.
Natürlich hat das Ganze gehalten, sonst würde ich hier wahrscheinlich gar nicht darüber schreiben. Aber mich hat das jedes Mal irritiert. Soll es vielleicht auch, wer weiß.

Und drei andere Kleinigkeiten:

Man sollte sich definitiv vorher den Gefallen tun und nachlesen worum es geht. Dank Alban Bergs Verknappungen dürfte man sonst ganz schön auf dem Schlauch stehen. Das Programmheft trifft es sehr gut. Wikipedia tut es auch. Ich persönlich empfehle Wedekind einfach mal selbst zu lesen.
Dr. Schöns Tod sah aus wie frisch aus einem unrealistischen Splatterfilm. Weniger wäre mehr gewesen.
Und: So schön ich persönlich es finde, dass sie auf Jack the Ripper verzichtet haben, den ich schon in der Vorlage ein wenig übertrieben fand: die Abschlußpantomimie war eine recht eigene Interpretation des Stückes.


Natürlich klingt das jetzt viel schlimmer als es eigentlich ist.
Das sind Kleinigkeiten, die wahrscheinlich gar nicht ins Gewicht gefallen wären, wenn ich mit der Musik etwas hätte anfangen können. Das selbe Bühnebild und dazu Hoffmanns Erzählungen und ich wäre wahrscheinlich Feuer und Flamme gewesen. (Nur als Beispiel. Freilich passt das Bühnenbild nur bedingt zu Offenbach, aber von der Sache her...) Abgesehen davon bin ich wirklich überzeugt, dass die MZ das Stück über den grünen Klee loben wird. Und die erreichen ohnehin sehr viel mehr Personen als ich mit meinem kleinen Blog hier.

Wer mit Alban Bergs Musik was anfangen kann, soll hin gehen. Wer es nicht weiß, kann ja bei den einschlägigen Quellen mal nach Hörproben suchen und sich selbst ein Bild machen. Wer Wedekind für ein Genie hält und wenig auf das Medium der Darbietung gibt: der soll hin gehen. Wer einfach nur neugierig ist soll auch hingehen. Wer gestern 3Sat gesehen hat und vergleichen möchte, soll hin gehen. Man verblödet ja nicht daran. Aber ich arbeite zu ungleichmäßigen Teilen daran, meine Ohren zu entknoten und nachzuvollziehen warum die gestern Alle gejubelt haben wie die Irren...

Sonntag, 5. Dezember 2010

Die Schöne und das Biest

Kontakte sind was feines. Eine Freundin von mir hat angefragt, ob ich mit ins Ballett gehe. Nicht nur in irgend ein Stück, sondern in die Premiere zu Die Schöne und das Biest. Und wer bin ich bei so was nein zu sagen?
Also ging es gestern Abend noch mal los.
Wie bei armen Studenten üblich hat es uns aus Geldgründen in den zweiten Rang hoch verschlagen. 
Und da fangen die Probleme dann auch schon an. Ab der zweiten Reihe sind das da oben einfach keine schönen Plätze, vor allem wenn ein großer Mensch vor einem sitzt. So habe ich den Abend über meistens nur eine Hälfte der Bühne gesehen und konnte mir durch Gewichtsverlagerung aussuchen welche.
Oder etwas direkter ausgedrückt: ich habe keine Ahnung wie das Stück wirklich wirkt, weil ich kaum einen ungehinderten Blick auf die Bühne hatte und mal alles gleichzeitig sehen konnte...

Wenn man das aber mal kurz außer Acht lässt, erlaube ich mir trotzdem mal eine kleine Beschreibung des gestrigen Abends.
Als aller erstes ist es ein merklicher Vorteil beim Ballett das in den Stücken nicht gesungen wird. Dann fängt keiner an zu zischen wenn man mal mit seinem Nachbarn tuschelt. Das Mädchen neben mir hat regelmäßig seine Mutter konsultiert was es da sieht und selbst die Freundin die mich eingeladen hat, lehnte sich nach ein paar Minuten zu mir und meinte sie versteht es nicht. Und auch wenn das jetzt keine Hochbildung ist muss ich sagen dass man mit grober Ahnung von der Disney Verfilmung doch recht weit kam. Dafür hatte ich dann so existentielle Fragen wie "Was zum Henker ist das da hinten an der Wand?" (es war ein Einhorn - glaube ich)

Dann das eigentlich wichtigste: die Aufführung selbst.
Ich persönlich bin eigentlich kein großer Fan dieses fein gewebten Vorhangs, der mitunter vor die Bühne gespannt wird. Mich erinnert es immer an eine überdimensionale Feinstrumpfhose. Abgesehen davon habe ich von dem Ding im Nussknacker nach der Hälfte Augenprobleme bekommen. Im Nussknacker war es allerdings auch nur so eine Art riesiger Weichzeichner für die Bühne (und ich saß relativ weit vorn), in Die Schöne und das Biest wurde das Ding wirklich als Stilmuttel genutzt. Oder genauer gesagt: als Projektionsfläche für eine Videoinstallation.
Ein weiterer Beweis dafür, wie man aus recht wenig ziemlich viel machen kann. Die Reise zum Schloss des Biestes wurden fast komplett so dargestellt. (auch wenn scheinbar ein extrem langer Mensch vor dem Projektor saß und man mitunter unten Rechts einen Haaransatz gesehen hat.)
Aber auch die Kostümabteilung hat ein Riesen-Lob verdient. Der Verweis auf die Disney Version kommt unter anderem auch daher, dass im Schloss des Biestes fast das ganze Mobiliar von Menschen dargestellt wurde und das wirklich gut. (Der heimliche Star des Abends war übrigens ein Kaminvorleger in Form eines Eisbärenfells. Der war richtig klasse.)
Auch die Maskenbildner sollten nicht unerwähnte bleiben. Immerhin muss man sich was einfallen lassen wie man aus einem Menschen ein Biest macht. Die Antwort ist eine zu Beton gesprühte Haarmähne und Wülste über den Augen (und ich glaube auch über den Wangen). Mehr habe ich von da oben nicht erkannt. Aber ich denke mal es wird von Nahem gut ausgesehen haben.

Tja... und hab ich jetzt inhaltlich noch was zu sagen...
Jein.
Es ist so, dass mir persönlich das leidende Biest zu melodramatisch war (und ich Teile der Handlung wirklich nicht verstanden habe. Als Belle neu im Schloss ist hat sie körperliche Schmerzen weil er hinter dem Glas fuchtelt? Es ist und bleibt einfach eine Kunstform mit der man sich anfreunden können muss.). Ich weiß dass Einer zu meiner Rechten in der Pause gegangen ist, ob das nun allerdings was mit der Zeit und dem Tagesstress oder mit dem Stück zu tun hat, wage ich nicht zu beurteilen. Eine Freundin hat es als Elefantenballett bezeichnet, weil man mitunter nun einmal hört wie die Leute nach den Sprüngen wieder auf dem Boden aufkommen. (Was wohl eigentlich nicht so sein soll... ich bin mir trotzdem sicher, dass ich nach einer Viertelstunde von dem was sie da auf der Bühne machen, einfach tot umfallen würde, weil ich nicht ausreichend fit bin. Ich bin also im Zweifel für den Angeklagten.) Und auch wenn ich von der Musik keine Kopfschmerzen bekommen habe, verspüre ich wirklich kein Verlangen in das ganze noch mal bei Amazon reinzuhören. Mir ist vor allem die hohe Geige im Gedächtnis geblieben und das ist was wofür ich mindestens einen Kaffee intus haben sollte, was heute noch nicht der Fall ist.
ABER - und das meine ich vollkommen erst - auch wenn mich das Stück nicht vom Hocker gehauen hat, habe ich einfach nicht gemerkt wie die Zeit verging. Zum einen wurde es in der zweiten Hälfte merklich leiser, so dass der Eindruck entstand, dass langsam doch alle im Stück angekommen sind. Und zum anderen bleibt ja doch die neugierige Frage: wie geht es weiter? Wie werden sie den Rest wohl darstellen? Und man muss fairer Weise sagen, dass auch der eine oder andere Grund zum lächeln dabei war. Sei es nun der Eisbär oder die kleine Hommage an Michael Jackson.
Wer also keine grundlegenden Probleme mit gedämpften Farben hat, kann ruhig einmal rein schauen und sich ein eigenes Urteil bilden. Sei es nun dass es die Premiere war oder sei es weil die Leute wirklich begeistert waren, aber der Schlussapplaus hat ewig gedauert. Gefallen scheint es also zu haben, und sei es nur weil das ganze von weiter unten ganz anders wirkt...

Sonntag, 26. September 2010

Gefährliche Liebschaften

Man mag es ja kaum glauben, aber ich habe mir heute mal eine Premiere gegönnt. Und dabei war ich vor ein paar Tagen eigentlich noch am überlegen ob ich mir das Stück überhaupt ansehen werde:

Die gefährlichen Liebschaften.

Zwischen mir und einer Freundin ist das im Grunde so etwas wie ein Runing Gag. Sie hat noch zwei Bücher von mir und ich habe die Gefährlichen Liebschaften von ihr. Ein Zustand der sich mittlerweile in Monaten messen lässt. Eigentlich wollten wir mal zurück tauschen. Und eigentlich hatte ich mal den Anspruch das auch zu lesen.... Nur gab es da diesen Film... und die Briefe ziehen sich... und Wiki hat mich sehr schnell davon überzeugt, dass der Inhalt doch halbwegs vorhersehbar ist...
Naja, jedenfalls liegt ihr Buch immer noch hier und meine sind noch immer bei ihr. Und auf verworrenen Wegen bin ich heute in der Premiere gelandet.

Für die 30 Minuten davor zählt wie immer: es ist faszinierend was man alles hört wenn man mal die Lauscher aufstellt.

Und dann geht es auch schon los.

Das Bühnenbild konnte man auch schon vorher bewundern. Nennen wir es mal minimalistisch. Aber eigentlich schön.

Oh, und nicht zu unterschlagen: das Programmheft. Für den minimalen Umkostenbeitrag von 50 Cent erhält man einen kleinen Brief, mit Siegel, zum selber brechen, aufschlagen, auseinanderfalten und lesen, leichte Alterspuren inklusive. Ja, ich gebe es zu, ich bin leicht zu beeindrucken, aber kommt schon: wann hatte man mal solch einen Brief in der Hand? Der Inhalt hat mich nicht so viel weiter gebracht, aber durch die Blume wird auch im Programmbriefchen gesagt, dass es auf Grund der Vorlage einfach darum ging, etwas Flair zu transportieren.

Das es sich bei dem Original um einen Briefroman handelt sagte ich? Jaja, der Germanist in mir möchte mal wieder Klugscheißen, aber stimmen tut es. Und wie das immer so ist wenn was alt ist: eines der stilprägenden, innovativen, in ihrer Zeit skandalösen... wie auch immer.

Zurück zu heute Abend:
Wir hatten Verwicklungen, Intrigen, Liebe, Blut... Das volle Programm eben. So weit ich das überblicke wich das Ende minimal vom Original ab, aber nicht wirklich dramatisch.
Was mich - Germanist durch und durch - wirklich begeisterte, waren die mitunter herrlich doppeldeutigen Antworten. Das Stück ist kein zweites Ernst sein ist Alles, bei weitem nicht. Aber es hat seine durchaus erheiternden Momente.
Und einen Moment, bei dem zumindest mir jedes Lachen im Halse stecken blieb. Sagen wir mal: nichts für übermäßig Zartbesaitete und ohne viel Ahnung von Pädagogik würde ich in das Stück keine Kinder mitnehmen.

Davon abgesehen habe ich nur einen einzigen Kritikpunkt: die Musik.

Nichts gegen die Gorillaz. "I'm happy, ..." erkennt glaube ich in meiner Generation jeder nach ein oder zwei Takten. Aber zu einem Theaterstück, dessen Vorlage aus dem 18ten Jahrhundert stammt und dessen Inszenierung sich Mühe gibt sich nirgendwo zeitlich verankern zu lassen (von Klöstern abgesehen....), passt es meiner Meinung nach nicht. Also... es passte irgendwie schon. Bis es mir aufgefallen ist. Danach fand ich eher befremdlich.

Ansonsten muss ich sagen: die Möglichkeiten zu Auf- und Abgängen waren reichlich und wurden auch genutzt.

Oder in Kurz:
Beeindruckend. Teils abgeklärt, teils naiv, teils witzig, teils ernst...
Es hat auf jeden Fall etwas.
Nur die Musik, und vielleicht das Ende, dämpfen den Eindruck ein wenig.
Ich kenne das Buch in groben Zügen und den Film Eiskalte Engel. Aber wie das mit den Briefen am Ende genau zusammen hing... naja, es ist im Grunde auch nicht wichtig. Eben so wenig wie die Tatsache, dass die letzten Sätze des Stücks ein wenig aus der Handlung heraus fallen. Es ist trotzdem sehenswert. Auch ergreifend. Und man merkt nicht wie die Zeit vergeht.
Und wenn ich heute nicht ohnehin schon ein wenig neben mir stehen würde, würde der Inhalt bestimmt auch den einen oder anderen kritischen Gedanken zum Thema Geschlechterbeziehung hervorrufen...
Es ist gut. Es ist sehenswert. Aber nicht perfekt. Trotzdem eine Empfehlung. Zumindest von mir...

Mal schauen was die MZ übers Wochenende dazu zusammen klöppelt...


Edit:
So, wach und noch vor dem ersten Kaffee habe ich erst Mal ein paar kleinere Rechtschreibfehler ausgeglichen. Und was ist mir bei der Gelegenheit aufgefallen? Dass ich gestern nun extra ein neues Tag ins Leben gerufen habe, nämlich "Premiere", und genau dazu eigentlich sehr wenig gesagt habe.
Also, was unterscheidet nun eine normale Vorstellung von einer Premiere? Die ehrliche Antwort ist: nicht so viel.
Die Karten sind etwas teurer, man kann so ein Stück schließlich nur ein Mal zum ersten Mal spielen. Ich hoffe im Grunde auch, dass das der Hauptgrund war, warum der Saal halb leer war. Erm, halb voll. Ich fühle mich heute mal eher positiv eingestellt.
Dann befindet sich auch der eine oder andere Schauspieler oder anderweitige Mitarbeiter der Bühnen Halle im Publikum. Und dem kleinen Tisch mit Material für die Presse nach dürften an die 20 Journalisten da gewesen sein.
Das sitzt dann Alles homogen nebeneinander, sieht das gleiche Stück und ist hoffentlich begeistert. Und wenn das Publikum richtig mitfiebert, landet es vielleicht sogar als Fußnote in der einen oder anderen Rezension.
Ansonsten teilte sich das Publikum schön ein: etwa die Hälfte trug Anzug, Kostüm und vergleichbares, und der Rest war eher leger unterwegs.
Und jeder der da war hat die Möglichkeit die Mund zu Mund Propaganda anzustoßen.
Das war es dann aber auch schon.
Und nachdem der Eintrag mal wieder länger geworden ist als er sein sollte, gönne ich mir jetzt erst mal einen Kaffee und gehe dann zur Einführungsmatinee zu Anatevka. Man gönnt sich ja sonst nichts... *g*