Samstag, 3. Juli 2010

Spuk im Händelhaus

Weniger labern, mehr rezensieren. Ich weiß schon.
Aber worüber soll ich denn bitte bei 35 Grad im Schatten schreiben?

Machen wir mit erst einmal mit etwas erfreulich Einfachem weiter: Der Spuk im Händelhaus.

Also, ja, ich schaue mir auch Produktionen für Kinder an. Auch wenn ich mir zwischen lauter 10jährigen ein wenig fehlplatziert vorkam. Fakt ist aber, dass ich aus meinem Musikunterricht... naja, was auch immer ich mal mitgenommen habe ist längst verschüttet. Und es wird auch nicht dadurch besser, dass ich Musik in der 10ten abgewählt habe. Abgesehen davon, habe ich mir im Studium einen tiefgreifenden Zweifel antrainiert, ob Kinder wirklich ein geeignetes Publikum sind.

Meine erstaunte Erkenntnis ist: Kinder können ein sehr dankbares Publikum sein - zumindest wenn das Drum-Herum stimmt.
(In der Uni müssen wir meistens mit Räumen auskommen, an denen selbst Schöner Wohnen scheitern würde, aber das Foyer der Oper ist auf jeden Fall gut geeignet. Und wer noch nie da war: nein, es ist nicht der Eingangsbereich der Oper, es ist eine kleine Extra Bühne, dort wo man auch Zugang zum zweiten Rang hat. Wer also wie ich ein kleines Problem mit der Pünktlichkeit hat, weiß wenigstens wo er hin muß.)

Das Schöne ist: es ist über einen Monat her, dass ich in diesem Stück war, ABER: es ist etwas hängen geblieben. Händel gehörte zum Barock, und in die Zeit fallen neben den Kastraten auch Kolloratursänger. (Leute die den Text musikalisch möglichst kunstvoll ausgestalten.) Das waren die Popstars ihrer Zeit. (und wenn ich das nach einem Monat noch weiß, habe ich schon fast Hoffnung, dass es sich bis zum Langzeitgedächtnis durch frisst.)

Dann geht es natürlich auch um Händel. Ignorieren wir ein paar Fakten (die unter anderem in der Blume von Hawaii vor kamen), nach denen Händel in Deutschland geboren wurde, in England arbeitete, lebte und starb: wir haben trotzdem immer noch Interesse an dem Mann - sonst würde auf dem Markt kein steinerner Perückenträger stehen. Händel war nun in irgend einer Art mit der Gräfin Alcina verbändelt. Ich weiß mittlerweile, dass das ganze auf eine Oper Händels anspielt, die Alcina heißt. (Und egal in welcher Version: Alcina ist nicht wirklich die Liebenswürdigkeit in Person.) Im Spuk im Händelhaus selbst kann die gute Frau von Händels Gönnerin bis hin zur verschmähten Geliebten alles gewesen sein - auch wenn sich das Stück im kindgerechten Rahmen eher auf Letzteres fokussiert.
Nun hat sich Alcina aus gekränkter Zuneigung zu Händel so sehr nach einem "richtigen" Mann gesehnt, dass das lebensgroße Bild von ihr in der Lage ist Männer in ihr Reich zu locken. Dort legt Alcina den Männern Ringe an, welche dazu führen, dass die Männer ihr ganzes bisheriges Leben vergessen, Alcina anhimmeln und nach deren Pfeife tanzen.
Alcina wird so nicht wirklich glücklich, auch wenn sie es glaub, die Männer im allgemeinen auch nicht und dann sind da ja auch noch die verschmähten Ehefrauen, die ihren Mann zurück haben wollen. Oder in diesem Fall: eine Frau, die ihren Mann zurück haben möchte. (Man muß es ja nicht komplexer machen als es ist.) Der Mann erinnert sich aber dank Alcina vorerst an gar nichts. Der mit Skepsis und Furcht reich gesegnete Polizist ist auch keine Hilfe. Und der Museumsdirektor würfelt noch mit sich selbst, ob er nun hilft oder schweigt.

Das ganze wird untermalt von zeitgenössischer Musik (also barocker), natürlich live an Cembalo und Co. (auch wenn für die Musiker nicht wirklich viel Platz bleibt).

Und die zahlreichen "Alcina ist da, oder doch nicht, oder wie, oder was?" Szenen geben den Kleinen immer wieder Gelegenheit mit Brüllen und Zeigen der Handlung voran zu helfen. Für Interaktivität ist also gesorgt.

Freilich, das Ganze ist für Kinder. Man sollte also keine zu raffinierten Handlungskniffe erwarten. Davon abgesehen fand ich persönlich das fingierte "es spukt, hier sind vorhin schon ein paar verschwunden, bitte zusammen bleiben" ein wenig plakativ. Aber auf der einen Seite bin ich über die Zielgruppe mindestens 10 bis 15 Jahre hinaus und auf der anderen Seite fanden die Kinder es wirklich genial. Ungelogen, die waren voll dabei.
Und es war wirklich gut gemacht. Der Wechsel zwischen den Auftritten (Realität oder das Reich von Alcina) war sehr schön gelöst. Und wenn ich ehrlich bin: es passiert ganz, ganz selten, dass ich eine nennenswerte Meinung zur Garderobe habe, aber das Kleid von Alcina war wirklich umwerfend.

Wer also die lieben Kleinen mal in die Oper mitnehmen möchte, sollte es unter anderem hier versuchen. Erstens geht das Stück nur eine Stunde, strapaziert also das Sitzfleisch nicht über. Zweitens lernt man ganz nebenbei noch ein klein wenig über Barocke Musik. Und drittens war die Zielgruppe begeistert. Was will man mehr?

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